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Ein Leben lang tanzen

WATTWIL. In Wattwil hat sie die Jugendjahre verbracht, in London und Italien gelernt, gelehrt und gearbeitet. Zurück in der Schweiz ist sie unermüdliche Kulturschaffende und das bis heute: Die 75jährige Evelyn Rigotti unterrichtet, choreographiert und tanzt noch immer.
Alexandra Scherrer
«Dieser Wanderstock würde sich gut zum Picknicken eignen», sagt Evelyn Rigotti mit einem Schmunzeln im Gesicht über den Preis des Vereins Kultur Toggenburg. (Bild: Alexandra Scherrer)

«Dieser Wanderstock würde sich gut zum Picknicken eignen», sagt Evelyn Rigotti mit einem Schmunzeln im Gesicht über den Preis des Vereins Kultur Toggenburg. (Bild: Alexandra Scherrer)

Vor mehr als fünfzig Jahren hat Evelyn Rigotti in Wattwil ein Tanzstudio eröffnet. Das ehemalige Sticklokal mit der hohen Decke, das neben ihrem Elternhaus stand, eignete sich dafür besonders gut. Damals kam die junge Tänzerin gerade aus Italien. Sie hätte auch dort bleiben können. Dennoch hat sie sich entschieden, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie habe ihre Wurzeln hier, sagt die heute 75-Jährige. Letzten Monat wurde Evelyn Rigotti der erste Wanderpreis des Vereins Kultur Toggenburg überreicht. Eine Anerkennung, die ihr Wirken und Schaffen würdigt. Mit diesem Preis revanchiert sich die Heimat. Sie bedankt sich bei der Künstlerin, dass sie ihr damals nicht den Rücken gekehrt hat, sondern zurückkam und ihre Ideen und ihr Engagement für die Kultur ins Toggenburg brachte.

Prägende Ausbildung in London

Bevor Evelyn Rigotti in Wattwil sesshaft wird, verlässt sie das Dorf im Alter von siebzehn Jahren. Zu dieser Zeit zieht es sie in die grosse weite Welt. Sie reist nach London, um dort als Au-pair zu arbeiten. «Ich fühlte mich sofort wohl in der Grossstadt. Ich konnte endlich tun und lassen, was ich wollte. Keiner schaute mich schräg an», erzählt sie. Es sei wie eine andere Welt gewesen. Am Abend besucht sie Amateurstunden an der Sigurd Leeder School of Dance. Dort absolviert sie anschliessend eine dreijährige Berufsausbildung und schliesst als diplomierte Tanzpädagogin und Tänzerin in der Sigurd Leeder Method ab. Während der Ausbildung habe sie an sechs verschiedenen Orten in London gewohnt. Am besten gefiel es ihr in der Finchley Road. Die Tänzerin zieht es auch nach Italien. Für Aufführungen darf sie nach Mailand fahren. Um das Dolce Vita zu geniessen ist die Zeit zu knapp, jedoch nicht, um sich zu verlieben: Evelyn Rigotti lernt ihren zukünftigen Ehemann kennen. Nach ihrer Ausbildung an der Tanzschule habe sie das Bedürfnis gehabt, etwas weiterzugeben, mit anderen Menschen zu arbeiten und etwas zu bewegen. So gibt sie in Pisa ihre ersten Tanzstunden. In Italien wollte sie jedoch noch andere Erfahrungen sammeln: «Ich wollte die <normale> Arbeitswelt kennenlernen und mich einmal in einem Bürojob versuchen.» Schnell habe sie aber gemerkt, dass Sitzen nicht ihr Ding sei, dass sie einen grossen Bewegungsdrang verspüre. Die Firma, bei der sie Strümpfe exportierte, verliess sie bald und kam um 1963 wieder in die Schweiz.

Eigenes Studio und «Chössi»

Auch als Evelyn Rigotti damals ihr Studio in Wattwil eröffnete, unterrichtete sie nebenbei noch an anderen Orten, wie beispielsweise in Ebnat-Kappel, Landquart oder Wil. Ihr ehemaliger Lehrer Sigurd Leeder war inzwischen von Chile in die Schweiz nach Herisau gekommen. Auch dort fuhr sie oft hin. An seiner Schule besuchte sie Weiterbildungen und hatte Auftritte mit der Studiogruppe. Mit einigen Absolventen der Sigurd-Leeder-Schule gründete sie das Tanzkollektiv «Choreo 77». Die Gruppe, der bekannte Tänzer und Tänzerinnen wie Juri Ackermann oder Fumi Matsuda angehörten, war erfolgreich und gewann gar den internationalen Choreographiepreis. «Auf dem Höhepunkt unserer Karriere musste sich die Gruppe aus finanziellen Gründen leider auflösen», bedauert die Freidenkerin. Zusammen mit Juri Ackermann hat sie danach in Wattwil eine Ausbildungsschule gegründet. Doch auch dafür fehlten bald die finanziellen Mittel, und nach sechs Jahren musste diese wieder geschlossen werden. Um 1980 war sie Mitinitiantin eines Kleinbühnenbetriebs. Das heutige Chössi-Theater wurde gegründet. «Wir wollten, dass die Leute hier im Toggenburg Tanzaufführungen erleben können, für die sie sonst nach St. Gallen oder Zürich hätten fahren müssen», sagt Rigotti. Die ersten Vorstellungen fanden in ihrem Tanzstudio statt. Die Zuschauer sassen auf selbstgenähten Kissen.

Mit Disziplin fit geblieben

Wenn Evelyn Rigotti erzählt, hört es sich an, als ziehe sich das Tanzen wie ein roter Faden durch ihr Leben. Sogar ihre Hobbies haben mit Tanzen zu tun: «Ich höre klassische und moderne Musik, spielte Klavier und habe Schlagzeugunterricht genommen.» Auch wenn sie fotografiere, male oder im Garten arbeite, sehe sie dabei einen Zusammenhang mit ihrer Leidenschaft. Noch heute steht sie jeden Tag in ihrem Studio an der Ebnaterstrasse – das Stricklokal ist längst einem grossen Haus gewichen – und unterrichtet Improvisation, Modern Jazz, modernen zeitgenössischen Tanz und leitet Bewegungsstunden für Frauen. Als eine von wenigen Tanzlehrerinnen begleitet sie ihre Schüler manchmal mit der Trommel. Vehement wehrt sich die zweifache Mutter und Grossmutter gegen die Klischees, dass Tanzen Frauensache sei oder dass zum Tanzen Spitzenschuhe und Spagat gehörten: «Ich habe etwas gegen Kitsch.» Mit 75 Jahren choreographiert sie noch und organisiert Aufführungen. Wie schafft sie das? «Ich trainiere jeden Tag etwa eine Stunde, um mich fit zu halten», sagt sie schlicht und fügt hinzu: «Ausdauer, Durchhaltewillen und Hartnäckigkeit, das habe ich bereits in der Ausbildung gelernt.»

Nächstes Projekt: Aufführungen am 2. und 3. Mai mit den Kinderklassen unter dem Motto «Nei, mer gönd no nöd is Bett» im Rahmen von Schweiz tanzt.

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