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Ein Leben lang einfeuern

Zu meinem 11. Geburtstag wollte mir meine Mutter einen blauen Regenschirm schenken. Sie starb sechs Tage vorher bei der Geburt ihres sechsten Kindes an einer Lungenembolie. Das Geschenk hatte sie zuvor schön verpackt auf einem Schrank versteckt. Der Schirm blieb meine letzte Erinnerung an sie.
Christa Wüthrich
«Der Gedanke, dass der <Chachelofen> erlöscht, macht mir zu schaffen», sagt Nelli Schönenberger. (Bild: Martina Basista)

«Der Gedanke, dass der <Chachelofen> erlöscht, macht mir zu schaffen», sagt Nelli Schönenberger. (Bild: Martina Basista)

Zu meinem 11. Geburtstag wollte mir meine Mutter einen blauen Regenschirm schenken. Sie starb sechs Tage vorher bei der Geburt ihres sechsten Kindes an einer Lungenembolie. Das Geschenk hatte sie zuvor schön verpackt auf einem Schrank versteckt. Der Schirm blieb meine letzte Erinnerung an sie.

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Nach dem Tod meiner Mutter übernahm ich ihre Rolle und kümmerte mich auch um die zwei Kinder, welche die neue Partnerin meines Vaters in unsere Familie brachte. Meine Mutter war Mitglied in einer Sekte; Musik, Tanzen oder Malen war bei uns zu Hause verboten. Mit ihrem Tod änderte sich das schlagartig. Ich entdeckte meine musische Seite, warf den Plan, Gärtnerin zu werden, über Bord und machte die Ausbildung zur Kindergärtnerin.

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Verschiedenste Familienformen habe ich selbst erlebt. Von der intakten Grossfamilie zur Halbwaisen, zur Patchworkfamilie und schlussendlich zum Scheidungskind. Meine zwei eigenen Söhne habe ich alleine grossgezogen. Erfahrungen, die mich bis heute prägen, welche mir aber auch die Sensibilität geben, Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen zu verstehen.

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Kinder und Menschen mit einer Behinderung sind die Hauptzielgruppe meines grössten eigenen Projektes. Vor 13 Jahren eröffnete ich oberhalb von Oberegg den «Chachelofen» – eine rollstuhlgängige Herberge mit einem grossen Garten, einem Malatelier, einem Seminarraum, einer Werkstatt und sogar einer Sauna. Zusammen mit meinen beiden Söhnen habe ich das Haus umgebaut und den Garten neu gestaltet. Eigentlich hätte ich gerne ein Kinderheim gegründet, doch das Haus liegt zu abgelegen und zu isoliert. Ich führe die Herberge in Eigenregie, unterstützt durch einen Verein. Im Mittelpunkt des «Chachelofens» sollen Begegnungen stehen – die Wärme und Licht schaffen. Zu den Gästen gehören nicht nur Ferienlager von Schulen und Behindertenheimen, sondern auch Vereine und Privatpersonen; sei es für eine Guggenmusikprobe, ein tibetisches Meditationsseminar, ein Geburtstagsfest oder ein ganz spezielles Ereignis. Ein australisches Paar quartierte sich im «Chachelofen» ein, um hier sein erstes Kind zur Welt zu bringen.

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Warum ich die Herberge «Chachelofen» getauft habe? Es gibt zwei Symbole, die mich durch mein Leben begleitet haben. Der blaue Schirm meiner Mutter und Kachelöfen. Letztere stehen für mich als Symbol, um ein Feuer zu entfachen und am Leben zu halten. Kachelöfen sind eine Aufforderung, immer wieder einzufeuern und sich nie der Dunkelheit zu ergeben. Aus gesundheitlichen Gründen bin ich nun gezwungen, die Herberge abzugeben und die Liegenschaft zu verkaufen. Ich träume davon, dass jemand den «Chachelofen» übernimmt und als soziales Projekt – in welcher Form auch immer – weiterführt: Sei es als Herberge, als Haus für Suchtkranke oder Bedürftige. Wenn nötig, würde ich die neuen Besitzer bei ihrer Arbeit auch unterstützen. Der Gedanke, dass der «Chachelofen» erlöscht, macht mir zu schaffen.

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In Zukunft möchte ich mich mehr um meine Gesundheit kümmern, aber auch Kinder sollen wie bis anhin einen festen Platz in meinem Leben einnehmen. Denn Kinder sind für mich Inspiration und Energiequelle in einem. Sie sind Lebensmeister – ehrlich, direkt und unvoreingenommen. Ganz besonders am Herzen liegt mir mein erstes Enkelkind. Lotta ist vor wenigen Wochen zur Welt gekommen – und ich freue mich, als Grossmutter diese kleine Lebensmeisterin auf ihrem Weg zu begleiten.

Nelli Schönenberger, 59, Oberegg

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