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Ein Leben für Kurdistan

Seit der IS mit seinem Terror die Welt erschüttert, ist Fauzi Kaddur ein gefragter Mann. Der 70-Jährige ist Repräsentant der kurdischen Autonomieregierung in Nordirak in der Schweiz. Seit 35 Jahren wohnt der ehemalige Zahnarzt in Teufen.
Chris Gilb
Fauzi Kaddur in seinem Wohnzimmer in Niederteufen. Der 70jährige Repräsentant beherrscht die staatsmännische Präsentation. (Bild: cg)

Fauzi Kaddur in seinem Wohnzimmer in Niederteufen. Der 70jährige Repräsentant beherrscht die staatsmännische Präsentation. (Bild: cg)

TEUFEN. Ein Reihenhaus in Niederteufen: Die Ehefrau von Fauzi Kaddur, Monika Kaddur-Stemmle öffnet. Sie ist eine geborene Zürcherin. Die Katholikin und der Moslem haben sich in den 70er-Jahren an der Universität kennengelernt. Später half sie ihm in seiner Zahnarztpraxis in Teufen. Heute organisiert sie das Büro der kurdischen Repräsentanz in Bern. Ihr Mann komme gleich, sagt sie. Fauzi Kaddur setzt sich an den Küchentisch. Vor ihm liegt eine ausgedruckte Karte von Kurdistan. Einem Land, das es in dieser Form nicht gibt. Es liegt auf dem Territorium von Irak, von Syrien und der Türkei. «Mein Leben lang kämpfe ich für die Unabhängigkeit von Kurdistan. Mindestens in Irak sind wir dieser jetzt näher als je zuvor», sagt der 70-Jährige. Schon lange kennt Kaddur den Präsidenten der autonomen Republik Kurdistan in Nordirak, Masud Barzani. Der Präsident und seine Peschmerga-Kämpfer eroberten schon einige Gebiete vom IS zurück. «Im Nahen Osten herrscht momentan so etwas wie ein Dritter Weltkrieg.» Einerseits gäbe es Saudi-Arabien, die Führungsmacht der Sunniten, und Iran, die Führungsmacht der Schiiten. Beide würden konträre Interessen verfolgen und somit zum Chaos beitragen. «Wir sind die einzige sichere Region dazwischen», sagt Kaddur. Auch deshalb sei die autonome Republik Kurdistan erste Anlaufstelle für viele Flüchtlinge. Rund zwei Millionen leben momentan in den Flüchtlingslagern um Dohuk.

Ein unverzichtbarer Partner

Seit 2004 ist Kaddur offizieller Repräsentant der kurdischen Autonomieregierung in der Schweiz. «Unsere Repräsentanz ist mit einer Botschaft gleichzusetzen und liegt im Botschaftsviertel in Bern, gleich neben der iranischen Botschaft», sagt Kaddur. Früher sei er manchmal noch belächelt worden. Heute, wo die USA und Deutschland die kurdischen Peschmerga-Einheiten in ihrem Kampf gegen den IS unter anderem mit Waffen unterstützen, sei seine Regierung zum unverzichtbaren Partner geworden. «Wir pflegen etwa zum Eidgenössischen Departement für Äusseres (EDA) gute Kontakte.» Auch wegen dieses Wandels sei die Unabhängigkeit näher als je zuvor, sagt er. Noch dieses Jahr soll ein Volksreferendum darüber entscheiden. Danach aber müsse das Land noch international anerkannt werden. Kaddur sagt: «Ich habe verbindliche Zusagen.» Er legt Bilder vor, die Präsident Barsani beim Staatsempfang in Deutschland und auch in der Türkei zeigen. Beide Male wurde er als offizieller Staatsgast empfangen. «In der Türkei wäre dies früher undenkbar gewesen, alleine schon wegen des Bestrebens der türkischen Kurden nach Unabhängigkeit. Doch jetzt brauchen auch sie uns.» Es gehe auch ums Öl, sagt er.

Begeistert vom Frauenanteil

Die autonome Region Kurdistan ist eines der ölreichsten Gebiete in der Region. «Wir arbeiten realistisch. Unterstützung erhält man nur, wenn sie im Interesse der anderen ist. Jetzt liegt eben unsere Stabilität, dank des Öls, der Flüchtlingssituation und des erfolgreichen Kampfes gegen die IS, im Interesse des Westens», sagt Kaddur. Seine Frau schaltet sich ins Gespräch ein: «Was mich besonders an Kurdistan begeistert hat, war, als ich zum ersten Mal das Regionalparlament besuchte, wie viel Frauen darin sitzen.» Gute dreissig Prozent der Parlamentarier seien schon vor einigen Jahren Frauen gewesen. «Viele davon waren um einiges moderner und mutiger gekleidet als ich», sagt Monika Kaddur-Stemmle. Seit sie mit Kaddur verheiratet ist, dreht sich auch in ihrem Leben vieles um Kurdistan. «Als er ins Rentenalter kam und unsere Kinder kein Interesse an der Zahnmedizin zeigten, gaben wir die Praxis auf, um uns vollständig der Arbeit in der Repräsentanz zu widmen.» Jeweils unter der Woche sind die beiden deshalb in Bern. Ihre Spesen werden von der Autonomieregierung getragen. Grösstenteils arbeiten sie und ihr Mitarbeiterteam jedoch ehrenamtlich.

Nichts mit der PKK zu tun

Das Schlimmste sei, in der Arbeit mit dem Vorurteil konfrontiert zu werden, dass alle Kurden in der PKK seien, sagt Monika Kaddur. Auch Fauzi Kaddur bringt diese Unterstellung auf: «Die PKK ist eine kommunistische Partei in der Türkei, die es ihren Mitgliedern verbietet, die kurdische Flagge zu benutzen und nur ihre eigene zulässt. Wir hingegen sind nicht ideologisch, sondern wünschen uns nur unseren eigenen Staat.» In Teufen jedenfalls erfährt Kaddur viel Unterstützung. Aufgrund einer Initiative von ihm und dem katholischen Diakon Stefan Staub fahren in den nächsten Monaten zwei Hilfskonvois in die Flüchtlingslager in Kurdistan. Für den zweiten Konvoi im April können unter anderem dieses Wochenende Sachspenden im Pfarreizentrum Teufen abgegeben werden. «Die Menschen haben begriffen, dass man den Flüchtlingen am besten vor Ort hilft. Dank unserer Rückeroberungen konnten zudem schon 10 000 Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren», sagt Kaddur.

Kaddur vor der Flagge mit Repräsentanten der Autonomieregierung. (Bild: pd)

Kaddur vor der Flagge mit Repräsentanten der Autonomieregierung. (Bild: pd)

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