Ein Leben für den Baumeister

Im Zeughaus Teufen ist ein grosser Teil ihres Lebenswerkes untergebracht – Rosmarie Nüesch-Gautschi hat die Baumeisterfamilie Grubenmann vor dem Vergessen bewahrt. Heute abend wird ihr der kantonale Kulturpreis verliehen.

Julia Nehmiz
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In ihrem Museum – Rosmarie Nüesch-Gautschi hat die Sammlung Grubenmann, die 2012 ins Zeughaus Teufen zog, aufgebaut. (Bild: apz)

In ihrem Museum – Rosmarie Nüesch-Gautschi hat die Sammlung Grubenmann, die 2012 ins Zeughaus Teufen zog, aufgebaut. (Bild: apz)

TEUFEN. Die kleine, muntere, 84jährige Dame öffnet die Tür und lädt in die gute Stube. Die breite Fensterfront im Wohnzimmer von Rosmarie Nüesch-Gautschi öffnet den Blick auf Alpstein, Kronberg und Hundwiler Höhi. Ein Prachtpanorama. Das Haus hat die gelernte Architektin selber gebaut, unterstützt vom väterlichen Baugeschäft. «Mein Vater war dagegen, dass ich ein altes Haus kaufe», sagt Nüesch-Gautschi. Die Heimatschützerin wohnt seitdem in einem modernen Gebäude in Niederteufen. Aber der Reihe nach.

Aufgewachsen ist sie in St. Margrethen, der Grossvater hatte ein Steinmetzgeschäft, der Vater war Architekt und Baumeister. «Mein Vater hat mich wie einen Buben behandelt», sagt sie, «das prägt.» Mit Puppen habe sie nie gespielt, sie besass alle Werkzeuge in Miniatur, ihr Vater nahm sie mit auf die Baustellen. Das Baugeschäft übernahm allerdings später ihr fünf Jahre jüngerer Bruder, heute führt es dessen Sohn.

Begabt und selbstbewusst

Rosmarie Nüesch-Gautschi war nicht nur eine gute Schülerin, sie war auch selbstbewusst. Als einziges Mädchen bewarb sie sich für die technische Abteilung der Oberrealschule – und wurde aufgenommen. Nach der Matura an der Kanti St. Gallen studierte sie Architektur an der ETH Zürich. «Wir waren damals vier oder fünf Frauen an der gesamten ETH», erzählt die 84-Jährige. Nach fünf Semestern brach sie ihr Studium ab, «wegen meiner Heirat, das würde ich heute nicht mehr machen». Ihr Mann hatte ein eigenes Architekturbüro in St. Gallen, in welchem sie ein wenig mitarbeitete.

Doch dann kam Hans Ulrich Grubenmann in ihr Leben. 1959, zum 250. Geburtstag des Teufner Baumeisters, gab der Schweizer Architektenverband eine Ausstellung in Auftrag. «Mein Mann war im Vorstand, so wurde ich beauftragt», erzählt Nüesch-Gautschi. Von den Grubenmanns hatte sie bis dahin noch nichts gehört.

Die erfolgreiche Ausstellung wurde an mehreren Orten gezeigt. Als dann der deutsche Zimmermeisterverband die Ausstellung an sämtlichen Technischen Hochschulen Deutschlands zeigen wollte, bekam sie von Pro Helvetia den Auftrag, die Wanderausstellung neu aufzubauen. «Ein Teil der Brücken- und Kirchturmmodelle steht heute noch im Grubenmann-Museum.»

Mit den Kindern Pläne zeichnen

Ihre Ehe hielt nicht ewig, nach der Scheidung zog sie mit ihren drei Kindern nach Lustmühle – in St. Gallen hatte sie keine Wohnung gefunden. «Dieser Zufall hat mein ganzes Leben verändert», sagt Nüesch-Gautschi. Der neue Kanton, Appenzell Ausserrhoden, sei ein Glücksfall für sie gewesen.

Durch die Grubenmann-Ausstellung hatte sie Kontakte zur Denkmalpflege geknüpft und sich einen Ruf erarbeitet. «Das hat sich rumgesprochen», sagt sie vergnügt. Sie wurde angefragt, für eine Dissertation über die Landeskirchen im Kanton St. Gallen die Zeichnungen anzufertigen. Bald folgten Zeichnungen für die drei Ausserrhoder Bände der Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz». Ihre Kinder nahm sie jeweils mit. «Das waren richtige Familienausflüge», erzählt sie lachend, «ein Kind musste die Stange halten, das zweite messen, das dritte aufschreiben.»

Rasant die Karriereleiter rauf

Für die Kunstdenkmäler-Bücher vermass Rosmarie Nüesch-Gautschi ihre erste Brücke. Diese hatte ein ziemlich grosses Loch im Dach. Sie schrieb einen Brief an den Präsidenten des Heimatschutzes. Dieser übertrug ihr prompt die Projektleitung der Reparatur und fragte zwei Wochen später, ob sie nicht in den Vorstand kommen wolle.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Sie muss ihre Sache sehr gut gemacht haben, in atemberaubendem Tempo wurden ihr Präsidienämter und Kommissionen angetragen.

Spuren hinterlassen

Sie wird berufen als Obmann des Heimatschutzes Appenzell Ausserrhoden, in die kantonale Kommission der Denkmalpflege, als kantonale Denkmalpflegerin, in die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz sowie für Denkmalpflege.

Als 1989 «endlich» das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, schaffte es Nüesch-Gautschi mit Elisabeth Kunz als erste Frau in den Kantonsrat.

In ihrem Heimatkanton sei sie anfangs nicht sonderlich beliebt gewesen, erzählt Nüesch-Gautschi schmunzelnd. «Ich habe das aber gar nicht so gemerkt.» Man fand, sie schwatze zu viel drein.

Kam sie zu einem schützenswerten, von Abriss bedrohten Bauernhaus, sei sie mürrisch empfangen worden. Doch wenn sie dann erklärt habe, wie schön das Haus sei, wenn sie zur Renovation einen Förderbeitrag organisiert habe, «dann gab es später eine Einladung zum Kaffee».

Der Begriff «Heimatschutz» klingt für die engagierte Dame überhaupt nicht rückständig. «Heimatschutz heisst erhalten und gestalten.» Es gehe um die gebaute Umwelt, «die Dörfer sollen nicht ihre Identität verlieren.»

Architektur heute sei global, «die Gebäude könnten doch überall auf der Welt stehen». Es gehe darum, die regionalen Unterschiede und Traditionen zu erhalten. «Es ist nicht so einfach, ein Appenzellerhaus modern zu interpretieren, aber es ist machbar», sagt sie energisch.

Das schönste Lob gab ihr einst ein St. Galler Kunsthistoriker, der ihr sagt: «Wenn ich durch Appenzell Ausserrhoden fahre, sehe ich überall deine Spuren.»

«Den Kirchenhimmel vergipst»

Das mit den Grubenmanns lief immer nebenher. 1979, zum 500-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Teufen, richtete sie ein Museum ein, das sie bis zu dessen Umzug ins Zeughaus vergangenen Sommer leitete. Bis heute ist sie im Stiftungsrat des Museums.

Das Erbe der Baumeister lässt sie nicht los. «Immer wieder finde ich im Archiv etwas, das noch nicht übersetzt ist.» Aktuell transkribiert sie einen Bauvertrag der Gemeinde Ebnat mit Hans Ulrich Grubenmann aus dem Jahr 1761. Und ist entzückt über Formulierungen wie «den Kirchenhimmel vergipst für 3250 Gulden».

Rosmarie Nüesch-Gautschi freut sich über den Kulturpreis. «Das Preisgeld schenke ich der Sammlung Grubenmann.» Aber nicht alles: Zu ihrem 85. Geburtstag plant sie ein grosses Fest. Und das mag man ihr wahrlich gönnen.

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