Ein Leben, eine Tasche

In Südkorea steigt Gabriele Romagnoli in einen Sarg und lässt sich begraben. Künstlich, als bizarres Ritual. Der italienische Schriftsteller und Autor ist in das Land mit der höchsten Suizidrate gereist, um mehr über diese Therapie zu erfahren.

Michael Genova
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Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

In Südkorea steigt Gabriele Romagnoli in einen Sarg und lässt sich begraben. Künstlich, als bizarres Ritual. Der italienische Schriftsteller und Autor ist in das Land mit der höchsten Suizidrate gereist, um mehr über diese Therapie zu erfahren. Sie soll Menschen wieder glücklich machen und ihnen zeigen, was sie an ihrem Leben haben. Im Sarg trägt Romagnoli ein weisses Gewand ohne Taschen, denn auf die Reise ins Jenseits kann man nichts mitnehmen.

Über seine Gedanken im dunklen, verschlossenen Sarg hat der Italiener nun ein Buch geschrieben. «Solo bagaglio a mano» – nur Handgepäck, heisst der Titel. Das Handgepäck dient ihm als Metapher. Wer nur mit einem Gepäckstück reist, muss sich genau überlegen, was er mitnimmt. Multifunktionsjacke oder Zweireiher? Turnschuhe oder High Heels? Auf den Flughäfen dieser Welt fällt eine Sorte Reisender sofort auf. Sie sind mit einer kompakten Reisetasche unterwegs. Mit einem kleinen Rucksack. An sie muss man sich halten. Während andere sich mit ihren Schrankkoffern noch abmühen, sind die Leichtfüssigen in Gedanken bereits an ihrem Ziel.

Gabriele Romagnoli entwickelt eine kurze Philosophie des Handgepäcks. Leicht reisen, leicht sein, leicht leben. Das sei eines der zentralen Themen der heutigen Gesellschaft. Ballast abwerfen und auf unnötige Bedürfnisse verzichten. Das sieht er als beste Strategie, um mit den Anwürfen des Lebens fertig zu werden und sich auf die konstante Veränderung einzustellen. Die Sehnsucht nach Einfachheit, sie ist ein modernes Bedürfnis. Der Amerikaner Doug Dyment schreibt in seinem Blog über die «Kunst und Wissenschaft des leichten Reisens». Andere wie der Blogger Dave Bruno behaupten, dass man nicht mehr als 100 Dinge braucht im Leben. Weniger besitzen, mehr leben, lautet das Mantra der neuen Minimalisten.

Eine neue Weisheit? Nein, nur eine Aktualisierung alten Wissens. Carl August Liner hat dieses Lebensgefühl bereits 1919 in einem Ölbild zum Ausdruck gebracht. Auf ihm zu sehen ist ein Appenzeller Sennenbub: barfuss, mit einem Bündel auf dem Rücken und einem Regenschirm unter dem Arm.