Ein Keller voller Leichen

Peter wurde weiss und grau im Gesicht: «Auch über das Paket weisst Du Bescheid?» – «Hör mir jetzt mal gut zu, mein allerliebster Peter: Jetzt sind wir sage und schreibe 22 Jahre verheiratet.

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Peter wurde weiss und grau im Gesicht: «Auch über das Paket weisst Du Bescheid?» – «Hör mir jetzt mal gut zu, mein allerliebster Peter: Jetzt sind wir sage und schreibe 22 Jahre verheiratet. Du glaubst, dass ich Dich nicht in- und auswendig kenne? Sag mal, hast Du überhaupt irgendeine Ahnung, wie Frauen grundsätzlich und Deine Frau im speziellen funktionieren?» Anna erklärte, dass sie von dem Paket gewusst hat, noch bevor er selber eine Ahnung von dessen Existenz hatte. «Auf jeden Fall kenne ich auch den Inhalt der Seiten 9, 10 und 11!» Peter stand mit offenem Mund da – sitzen konnte er schon lange nicht mehr – und sah aus wie der Weihnachtsmann, der von seinem eigenen Christbaum total überrascht worden ist. In den letzten Minuten wurden die Leichen aus dem Keller geholt. Der Keller spuckte Peter die Leichen mitten ins Gesicht. Anna war schon heute morgen von ein paar solcher Mumien in die Magengegend getroffen worden. Anna und Peter schwiegen sich an. Keiner wusste, welche Worte nun als nächstes angebracht wären. Aber die Leichen schienen geborgen. Was blieb, war, die Leblosen anständig zu begraben. Wie sagte Anna immer: «Probleme lassen sich nicht vom Tisch wischen, aber sie lassen sich auf den Tisch bringen!» – «Und so funktioniert es offenbar auch mit Leichen im Keller», ging es Peter durch den Kopf.

Anna brach das Schweigen. Sie erzählte Peter, dass ihr Ursula vor einiger Zeit drei handgeschriebene Seiten, nummeriert mit 9, 10 und 11, zugeschickt hatte. Zuerst hätte sie nicht einmal genau gewusst, um welche Ursula es sich da überhaupt handelt. Ursula wollte sich offenbar rächen für etwas, was weder Anna noch Peter in irgendeiner Weise verbrochen hatten. Aber Ursula drohte Anna schon damals – es war wohl August oder September –, dass die Familie Sandmeier sich darauf einstellen soll, dass das kommende Weihnachtsfest für sie wohl kaum das Fest der Freude sein werde. «Was steht denn nun um Himmelsherrgottswillen auf diesen Seiten 9, 10 und 11?» Peter schien einem Nervenzusammenbruch nahe und schenkte sich das bereits fünfte Glas Wein ein. Anna entschloss sich, die Katze endlich aus dem Sack zu lassen, denn sie wusste, dass sie das diesjährige Weihnachtsfest nur retten konnte, wenn die Katze frei herumspringen konnte: «Du bist der Sohn von Sämi Klaus, der sich vor vielen Jahren als Weihnachtsmann vom Sonnenhalb einen Namen gemacht hat!»

Damian Caluori

Die Appenzeller Zeitung lässt Autoren aus dem Appenzellerland eine Fortsetzungsgeschichte zu Weihnachten schreiben. Die Autoren fügen jeweils ein Kapitel an und reichen den Text weiter.