Ein Kamin und seine Geschichte

Der Künstler Christian Ratti hat für den Schaukasten Herisau den Abbruch des Kamins der Zielfabrik Appenzell recherchiert. Es ist eine Geschichte voller Zufälle und Seitenwege. Am Mittwoch war Vernissage der Kleinstausstellung.

Kristin Schmidt
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Zum vorletzten Mal zeigt der Schaukasten Herisau eine neue Kleinstausstellung: Christian Rattis Werk «Zielfabrik» ist noch bis 18. Mai an der Herisauer Post zu sehen. (Bild: zVg./Hannes Thalmann)

Zum vorletzten Mal zeigt der Schaukasten Herisau eine neue Kleinstausstellung: Christian Rattis Werk «Zielfabrik» ist noch bis 18. Mai an der Herisauer Post zu sehen. (Bild: zVg./Hannes Thalmann)

HERISAU. Warum sollen wir uns für Kamine interessieren? Weil sie Landmarken sind? Zeugnisse der Industriegeschichte? Weil sie sich typologisch klassifizieren lassen? Oder weil sich gute Kunst mit ihnen machen lässt?

Letzteres funktioniert, wenn ein selbsternannter Kamindirektor seine Hand im Spiel hat und als solcher auf einen Künstler mit einer Kaminepisode im Lebenslauf trifft. Und es funktioniert selbst dann, wenn der Kamin, um den es geht, gar nicht mehr steht. Das klingt nicht nur verworren, das ist es auch: Die Geschichte hat viele Stränge, die nun im Schaukasten Herisau entwirrt werden. Der Geschichtenerzähler ist Christian Ratti.

Zufällige Begegnung im Zug

Der Zürcher Künstler ist in vielen Gefilden unterwegs, und es kommen immer neue hinzu. So hat er sich während seines Atelieraufenthaltes in der Fundaziun Nairs, dem Zentrum für Gegenwartskunst in Scuol, zum Kamindirektor berufen, er ist Garderobenmarkensammler, hat die «Dolologie» begründet, kümmert sich um Industriekultur und die Lebensräume des Alpenlangohrs. Und er reist mit dem Zug – genau wie Roman Signer.

So kam es denn vor wenigen Jahren zu einer höchst zufälligen und folgenreichen Begegnung in der Eisenbahn: Der eine Künstler berichtete dem anderen von seiner Leidenschaft für Kamine und der andere daraufhin dem einen über das spektakuläre Ende des Kamins der Zielfabrik in Appenzell.

Das Besondere daran: Roman Signer war selbst an jenem Ereignis beteiligt. Der Kamin der Zielfabrik jedoch wurde nicht, wie heute üblich, gesprengt, sondern umgerissen. In der Lokalpresse von 1948 las sich das so: «Gestern abend wurde dem Kamin eine Schlinge um den Hals und dann eine um den Rumpf gelegt und er mit vereinten Kräften zum Einsturz gebracht.» Eine Geschichte, wie geschaffen für Christian Ratti.

Ratti ist ein Künstler ohne Werk. Der 39-Jährige reagiert auf Orte und Räume, forscht nach, weitet den Radius aus und gibt so schnell nicht auf.

Feuerwehr Appenzell weiss Rat

Das zeigt sich auch in der aktuellen Schaukastenarbeit. So erinnerte sich Roman Signer daran, dass Fotograf Werner Bachmann die Umsturzaktion aufgenommen hatte. Aber die Bilder waren im Nachlass nicht zu finden.

Erst als Ratti darauf kam, beim Feuerwehrkorps in Appenzell nachzufragen, kamen die Aufnahmen zutage, die nun im Schaukasten Herisau installiert sind. Dort ist der Fall des 23 Meter hohen Kamins vor 65 Jahren nun noch einmal zu sehen. Das Seil der Feuerwehrleute aber ersetzt eine schnurgerade handschriftliche Schilderung der merkwürdigen Zufälle, die das Werk erst entstehen liessen und die ohne Rattis Gespür für das Potenzial einer Geschichte wohl nicht eingetroffen wären. Dass obendrein und ausgerechnet Roman Signer der nächste und gleichzeitig letzte Künstler im Schaukasten Herisau sein wird, verwundert schon fast nicht mehr.

Christian Ratti, «Zielfabrik», bis 18. Mai im Schaukasten Herisau, an der Herisauer Post (Poststrasse 10); www.schaukastenherisau.ch

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