Ein Jahr nach dem Lawinenunglück: Säntis-Schwebebahn hat das Sicherheitskonzept überarbeitet

Am 10. Januar jährt sich das Lawinenunglück auf der Schwägalp. Veränderungen der Lawinengefahr sollen in Zukunft dank einer neuen Datenerfassung besser beurteilt werden können.

Claudio Weder
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Eine Lawine zerstörte im Januar 2019 Teile des «Säntis – das Hotel» auf der Schwägalp.

Eine Lawine zerstörte im Januar 2019 Teile des «Säntis – das Hotel» auf der Schwägalp. 

Bild: Urs Bucher

Der 10. Januar 2019 wird der Säntis-Schwebebahn AG wohl im Gedächtnis haften bleiben: Fast genau ein Jahr ist es her, seit sich eine Lawine von der Säntiswand gelöst und Teile des 2016 eröffneten «Säntis – das Hotel» mitgerissen hatte. «Es war keine einfache Zeit für uns», sagte Verwaltungsratspräsident Hansruedi Laich an der heutigen Medienkonferenz.

«Als wir damals vor die Medien traten, herrschte eine ganz andere Stimmung als jetzt.»

Folglich sei es für ihn und die Geschäftsleitung eine Art Genugtuung, nun, ein Jahr später, in ein paar ruhigen Minuten das vergangene Jahr Revue passieren lassen zu können.

Äusserlich erinnert heute auf der Schwägalp nichts mehr an das Lawinenunglück. Der Betrieb läuft wieder wie gewohnt. Und Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG, kann mit Zuversicht in die Zukunft schauen:

«Uns geht es gut. Wir haben den Vorfall mittlerweile verkraftet.»

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. So wurde im vergangenen Jahr das Sicherheitskonzept für Lawinenschutz überarbeitet. «Die Sicherheit unserer Gäste und Mitarbeitenden steht an oberster Stelle», so Vattioni.

Lawinengefahr besser einschätzen

Statistisch gesehen handelt es sich laut Vattioni beim Lawinenabgang vom Januar 2019 um ein Ereignis, das nur alle 100 bis 300 Jahre stattfindet. In Zusammenarbeit mit externen Fachleuten sowie dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos wurde die Ursache für den Lawinenniedergang analysiert. Gemäss Untersuchungsberichten waren nicht etwa die massiven Schneefälle an jenem Tag für den Lawinenabgang verantwortlich, sondern die aussergewöhnlichen Witterungsverhältnisse in den beiden Wochen zuvor.

«Während der Feiertage wie auch in den ersten Januartagen hatte es nur wenig Schnee. Hinzu kam eine Warmfront mit Regen bis zum Säntisgipfel hinauf, gefolgt von kalten, starken Westwinden. Als sich die Windrichtung dann änderte, bildete sich eine dünne Schicht aus kantigen Kristallen», erklärte Vattioni. Kurz darauf seien beträchtliche Neuschneemengen auf diese Schwachschicht gefallen. Diese Witterungskonstellation habe letztlich zum Ereignis geführt.

Damit die Lawinengefahr künftig besser eingeschätzt werden kann, sei die Zahl der Beurteilungsfaktoren massiv erweitert worden, so Vattioni weiter. In Zukunft sollen noch mehr Wetter- und Schneedaten ausgewertet werden, unter anderem durch eine neue Schneemessstange im Anrissgebiet.

«Dank der neuen Datenerfassung können wir Veränderungen der Lawinengefahr über einen längeren Zeitraum besser erfassen, verfolgen und beurteilen.»

Somit könne man rechtzeitig entsprechende Sicherheitsmassnahmen treffen, wie etwa Absperrungen oder Evakuationen. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es laut Vattioni aber nie geben. Dennoch ist er überzeugt:

«Mit diesen Massnahmen können wir die höchstmögliche Sicherheit garantieren.»

Nur wenige Tage nach dem Niedergang der ersten Lawine löste sich eine zweite und beschädigte eine Stütze der Schwebebahn. In der Folge musste der Bahnbetrieb für vier Monate eingestellt werden. Wie Vattioni gestern erklärte, sei die in Mitleidenschaft gezogene Stütze im Mai wieder instand gestellt worden: «Über die beschädigte Stützenkonstruktion wurde ein neues Fachwerk montiert, wodurch die Stütze eine noch höhere Festigkeit aufweist als zuvor.» Trotzdem entspricht sie laut Vattionis Aussagen nicht mehr den heutigen Vorschriften. Wie und wann sie ersetzt wird, sei aber noch offen.

Die Planungsarbeiten würden viel Zeit beanspruchen, sagte Vattioni. Für bauliche Veränderungen an Luftseilbahnsystemen sei immer ein umfangreiches Plangenehmigungsverfahren mit dem Bundesamt für Verkehr notwendig. «Neben der technischen Machbarkeit müssen wir Gutachten zu Themen wie Geologie, Lawinen, Wind und weiteren Faktoren erstellen.» Auch Umweltvorschriften müssten erfüllt sein. Dasselbe gelte für allfällige bauliche Massnahmen für den Lawinenschutz von Gebäuden und Verkehrswegen.

Für Bruno Vattioni drängen sich momentan jedoch keine weiteren Massnahmen auf. Dennoch lässt die Säntis-Schwebebahn AG sämtliche Möglichkeiten von Fachleuten eingehend überprüfen und beurteilen.

Vattioni geht von Millionenschaden aus

Die Schadenssumme konnte Vattioni an der Medienkonferenz noch nicht genau beziffern. «Wir gehen aber von einem Millionenschaden aus.» Allein die Instandstellung der beschädigten Stütze schlug mit rund 450000 Franken zu Buche. Hinzu kommen weitere Schäden am Hotelgebäude sowie am Mobiliar. «Die Schadenssumme wird allerdings von den Versicherungen übernommen.»

Was den Ertragsausfall betrifft, sind die Verantwortlichen der Säntis-Schwebebahn derzeit noch mit den Versicherungen in Verhandlung. «Das wird sich sicher noch bis Ende Jahr hinziehen», sagt Vattioni. Klar ist: «Das Jahr 2019 wird kein erfolgreiches sein.» Für die Aktionäre bestehe aber kein Grund zur Sorge.

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