Ein Jahr nach dem Lawinenunglück auf der Schwägalp sagt Säntis-Schwebebahn-Chef Bruno Vattioni: «Die Lawine hat mehr Spuren hinterlassen als angenommen»

Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG, steht ein Jahr nach dem Lawinenunglück erneut im Rampenlicht: Der 62-jährige Herisauer wurde zum «Appenzeller des Jahres 2019» gewählt. Ein Porträt.

Claudio Weder
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Ein Jahr nach dem Lawinenunglück: Für Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG, läuft der Betrieb wieder wie gewohnt.

Ein Jahr nach dem Lawinenunglück: Für Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG, läuft der Betrieb wieder wie gewohnt.

Bild: Claudio Weder

Der Säntis zeichnet sich an diesem Morgen wie ein Eisberg vor dem glasklaren Himmel ab. Während oben auf dem Gipfel noch alles zu schlafen scheint, herrscht unten auf der Schwägalp bereits reges Treiben. Der Parkplatz füllt sich allmählich. Im Eingangsbereich zur Luftseilbahn tummeln sich die ersten Tagesausflügler. Alles drängt hinauf an die Sonne.

Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG, ist im Normalfall schon lange vor dem Eintreffen der ersten Touristen auf der Schwägalp. Hier, wo andere Ferien machen oder ihre Freizeit verbringen, hat der 62-Jährige sein Büro. «Für mich ist es der schönste Arbeitsplatz auf der ganzen Welt», sagt er und lacht. Wenn Vattioni von seiner Arbeit erzählt, gerät er ins Schwärmen, aber nicht ohne dabei ein bisschen wehmütig zu werden:

«Angesichts meines Alters fragen mich die Leute häufig, wie lange ich noch arbeiten muss. Darauf antworte ich immer: Ich muss nicht, ich darf noch zweieinhalb Jahre.»

2019 war ein turbulentes Jahr

Dass es auf der Schwägalp jedoch nicht immer nur gemütlich ist, musste Bruno Vattioni Anfang letzten Jahres am eigenen Leib erfahren. Nur wenige Tage, nachdem er mit Freude feststellte, dass sein Unternehmen im Jahr 2018 ein Rekordergebnis erzielt hatte, donnerte eine Lawine von der Säntiswand auf die Schwägalp nieder und zerstörte einen Teil des 2016 eröffneten «Säntis – das Hotel». Wenige Tage später dann der nächste Rückschlag: Eine zweite Lawine beschädigte einen Mast der Luftseilbahn. Der Bahnbetrieb musste während vier Monaten eingestellt werden.

Vattioni hat das Jahr 2019 als ein turbulentes in Erinnerung. Nicht nur, weil er auf einen Schlag im medialen Rampenlicht stand. Auch, weil er sich nach dem Unglück neben den Reparaturarbeiten vor allem mit den Versicherungen beschäftigen musste:

«Der administrative Aufwand war so gross, dass fast keine Zeit mehr blieb für andere Dinge.»

Heute, knapp ein Jahr später, läuft der Betrieb wieder wie gewohnt. Rein äusserlich erinnert auf der Schwägalp nichts mehr an das Lawinenunglück. Dennoch habe die Lawine mehr Spuren hinterlassen als angenommen, sagt Vattioni. «Nachdem wir den Bahnbetrieb Ende Mai 2019 wieder aufnehmen konnten, kamen die Gäste nicht, wie erhofft, in Scharen. Auch die Übernachtungszahlen und Seminarbuchungen gingen zurück.» Und dies alles im Sommer, der für die Säntis-Schwebebahn die Hauptgeschäftszeit ist. Für Vattioni war damals schon klar:

«Finanziell wird das Betriebsjahr 2019 eines der schlechteren sein.»

Noch nicht so richtig Fuss gefasst

Etwas Sorge bereitet dem 62-Jährigen jedoch im Moment etwas anderes: «Als Team haben wir es noch nicht so richtig geschafft, wieder Fuss zu fassen. Vor dem Unglück strotzten wir vor Teamgeist, Selbstbewusstsein und Innovationswillen.» In diesem Sinne sieht es Vattioni als einen Glücksfall, dass er von den Leserinnen und Lesern der «Appenzeller Zeitung» zum Appenzeller des Jahres 2019 gewählt wurde. Er glaube, diese Auszeichnung gehöre auch ein wenig dem Unternehmen Säntis-Schwebebahn. Er fühle sich geehrt und hofft, dass dies einen positiven Effekt auf das ganze Team haben wird.

Die meisten Stimmen holte sich Vattioni wohl nicht bloss aus Solidarität. «Zumindest hoffe ich, dass dem nicht so ist», sagt er und lacht. Seit bald 20 Jahren ist Vattioni nun Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG. Als solcher hat er den Betrieb massgeblich mitgeprägt und weiterentwickelt. Was früher ein reines Bahnunternehmen war, ist heute ein Tourismusunternehmen mit 180 Mitarbeitenden, zu dem nicht nur die Schwebebahn, sondern auch die Ausflugs- und Eventplattformen «Säntis – der Berg» und «Säntis – das Hotel» mit Kongress- und Tagungslokalitäten gehören.

Im Juni wurde auf dem Säntisgipfel zudem die Erlebnisinstallation «Säntis – der Wetterberg» eingeweiht. Weitere Teile zu den Themen Eiswelt, Geologie und Geschichte sind in Planung. «Wir wollen mit diesen Installationen den Säntis auch bei Schlechtwetter attraktiv machen. Zudem soll das Gipfelgebäude mit Leben und Ambiente gefüllt werden», so Vattioni.

Engagement über das Appenzellerland hinaus

Als Geschäftsführer konnte Bruno Vattioni seine Ideen jederzeit in die Tat umsetzen. Er sagt:

«Ich hatte nie den Druck, den Säntis in eine Chilbi, ein Disneyland oder eine Actionworld zu verwandeln.»

Stets habe er beim Thema Natur bleiben wollen. Diese Freiheit, selber entscheiden zu können, schätzt Vattioni an seinem Job. Ein Grund, weshalb er auch nie ein politisches Mandat anstrebte. «Ich bin zu ungeduldig für die Politik», gibt der 62-Jährige zu. Vom Typ her ist Vattioni ein «Macher». In politischen Gremien hingegen werde zu lange diskutiert, findet er. Und die Entscheide, die gefällt werden, seien meist Kompromisse.

Weiter hat sich Vattioni stets über sein Unternehmen und das Appenzellerland hinaus engagiert. Vernetzen sei das A und O, mit Gärtchendenken komme man nicht weiter, lautet seine Devise. So ist Vattioni nicht etwa bloss die treibende Kraft hinter dem Ostschweizer Gästekartenprojekt «Oskar», sondern engagiert sich auch als Wirtschaftsförderer über die Kantonsgrenzen hinaus.

Seit zwei Jahren ist er Teil des gesamtostschweizerischen Projektes «Wilder Osten», einer Internetplattform für Arbeit, Familie, Freizeit und Wohnen. Diese hat zum Ziel, den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Ebenso ist Vattioni Verwaltungsrat der Appenzellerland Tourismus AG und im Stiftungsrat der Stiftung Wirtschaftsförderung AR. Zudem war er Oberst im Militär.

Gelernter Maschinenbauer

Zu seinem Job kam Vattioni aber eigentlich mehr durch Zufall. In seinen jungen Jahren spielte er Eishockey beim SC Herisau. Mit einigen Teamkollegen gründete er später den Verein Euregio Events. «Unser Ziel war es, andere Sportler zu unterstützen und spezielle Sportveranstaltungen auf die Beine zu stellen – wie Länderspiele, All Star Games oder Golfturniere für Menschen mit Behinderung.»

Im Jahr 1999 wollte dieser Verein ein internationales Beachvolleyball-Turnier auf der Schwägalp durchführen. So kam Vattioni in Kontakt mit dem damaligen Geschäftsführer. «Nach dem Treffen ging ich nach Hause und sagte zu meiner Frau: Dieser Mann hat den schönsten Job der Welt. Das, was er macht, will ich auch machen.»

Vattioni ist gelernter Maschinenbauer mit betriebswirtschaftlicher Weiterbildung. Zu jener Zeit führte er ein Unternehmen im Investitionsgüterbereich. Im Jahr 2000 bekam er die Stelle als Technischer Leiter bei der Säntis-Schwebahn AG. Zwei weitere Jahre später übernahm er die Geschäftsführung. Vattioni ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und wohnt zusammen mit seiner Frau in Herisau.