Nachruf

Zum Tod von Arthur Sturzenegger: Ein inspirierender Gesprächspartner mit weitem Horizont

Am 8. Dezember starb der Lokalhistoriker Arthur Sturzenegger aus Rehetobel. Der ehemalige Primarlehrer engagierte sich in verschiedenen Funktionen stark für die Region.

Hanspeter Spörri
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Arthur Sturzenegger (1933–2020)

Arthur Sturzenegger (1933–2020)

Bild: PD

Wer mit Arthur Sturzenegger zusammenarbeitete – ob im schulischen oder politischen Umfeld, im Rahmen der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft oder der Lesegesellschaft Dorf, Rehetobel – erinnert sich an einen engagierten, zuweilen kämpferischen, stets auf die gerade zu lösende Aufgabe fokussierten Mann. Er war Lehrer mit Leib und Seele, ein Bürger, der tatkräftig mitwirkte an der Gestaltung des Gemeinwesens. Die Gegenwart beurteilte er immer auch mit Blick auf historische Entwicklungen.

Als die Kulturkommission Rehetobel zum 350-Jahr-Jubiläum der Gemeinde ein Buch über die Geschichte der letzten 50 Jahre in Auftrag gab, war es klar, dass er sich für dieses Projekt interessierte. Für den Herausgeber und Hauptautor des Bandes, den Basler Historiker Yiğit Topkaya, war er die wohl wichtigste Auskunftsperson. Als das Werk im vergangenen Oktober erschien, teilte Arthur Sturzenegger dem Autorenteam mit, dass er es in einem Zug und mit Vergnügen gelesen habe: «Schade, dass die Vernissage abgesagt werden musste. Die Coronapandemie dürfte am Anfang der Rehetobler Chronik des nächsten halben Jahrhunderts kaum unerwähnt bleiben.» Am 8. Dezember ist er selbst dem Virus erlegen.

Ortskorrespondent für die Lokalpresse

Arthur Sturzenegger, 1933 in Trogen geboren, war 20 Jahre alt, als er in Rehetobel eine Primarlehrerstelle antrat. Walter Schläpfer, sein Geschichtslehrer an der Kantonsschule Trogen, hatte enttäuscht reagiert, als er vom Wechsel seines Schülers an das Lehrerseminar Kreuzlingen erfuhr. Lieber hätte er ihn in einer Historikerlaufbahn gesehen.

In Rehetobel hielt sich Arthur Sturzenegger an eine Empfehlung seines Pädagogiklehrers Willi Schohaus: Lehrer seien nicht einfach Unterrichtsbeamte, sondern Kulturträger, die im öffentlichen Leben der Gemeinde mitwirken sollten. Sogleich übernahm er das Aktuariat der Feuerpolizei, der damals die Wasserversorgung oblag. Er stellte sich als Richter im Gemeindegericht zur Verfügung, übernahm später dessen Vizepräsidium, schliesslich auch noch die Funktion des Untersuchungsrichters und musste sich mit komplexen juristischen Fragen auseinandersetzen.

Kurz nach Stellenantritt in Rehetobel amtierte er als Ortskorrespondent für die Lokalpresse und alsbald auch als Chronist für das Appenzellische Jahrbuch, das von der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft herausgegeben wird. Häufig sah er sich in der unangenehmen Pflicht, über Aktivitäten zu berichten, an denen er selbst beteiligt war: 1963 verfasste er mit seinem Lehrerkollegen Karl Kern das Festspiel, das zur Erinnerung an den Beitritt des Standes Appenzell zur Eidgenossenschaft vor 450 Jahren aufgeführt wurde.

Sein einstiger Geschichtslehrer Walter Schläpfer holte ihn ins Autorenteam der Gemeindegeschichte, die 1969 zum 300-jährigen Gründungsjubiläum Rehetobels erschien. Für ihn sei diese Arbeit wegen der Beratung durch Walter Schläpfer fast einem nachträglichen Geschichtsstudium gleichgekommen, erinnerte sich Arthur Sturzenegger. Wiederum verfasste er zusammen mit Karl Kern ein Festspiel, das im Rahmen der Jubiläumsfeier 1969 aufgeführt wurde.

Vorstandsmitglied der Appenzenzellisch Gemeinnützigen Gesellschaft

Zu Beginn der 1970er-Jahre, als er im Vorstand des Verkehrsvereins war, engagierte er sich federführend gegen die Überbauung der Kuppe bei der Fernsicht. Der Gemeinderat lehnte die Einsprache ab, der Regierungsrat wollte zunächst nicht auf den Rekurs eintreten. Schliesslich musste der Kretenschutz vom Bundesrat beurteilt werden. Die zivilgerichtlichen Forderungen der Grundeigentümer landeten vor Bundesgericht und wurden mit einem Vergleich beigelegt. Und in einer Gemeindeabstimmung sagte eine deutliche Mehrheit Ja zur Freihaltung der Krete. Er kritisierte die Behörde aber nicht nur, sondern übernahm selber Exekutivverantwortung als Gemeinderat ab 1978 bis 1996, die letzten fünf Jahre als Vizehauptmann.

Arthur Sturzeneggers Engagement für den Landschafts- und Naturschutz und sein naturwissenschaftliches Interesse trugen ihm das Co-Präsidium des St.Gallisch-Appenzellischen Naturschutzbundes ein. Sein gesellschaftliches Interesse führte ihn in die Vorstände der Lesegesellschaft Dorf und der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft (AGG). Beide Institutionen präsidierte er während vieler Jahre. In der AGG prägte er – zusammen mit Kassier Hans Künzle – zu Beginn der 1980er-Jahre die konfliktreiche Phase der Modernisierung der sozialen Institutionen, die vielfach unter dem Patronat der AGG standen und sich von veralteten patriarchalen Ideen und Erziehungsmethoden lösen mussten.

Immer wieder trat Arthur Sturzenegger als Autor in Erscheinung. Sein Buch «Wissen macht Bürger», das 2009 im Appenzeller Verlag erschien, dokumentiert die Geschichte der Trogner Lesegesellschaft Bach – und in exemplarischer Weise die Veränderung der hiesigen Befindlichkeit im 19. und 20.Jahrhundert.

Intellektueller mit grossem historischen Wissen

Arthur Sturzenegger war ein inspirierender Gesprächspartner, ein Mann mit weitem Horizont. Wer immer wieder mit ihm im Dialog stand, profitierte von seinem grossen historischen Wissen. Bei Meinungsunterschieden war man gezwungen, ebenso präzise und hartnäckig wie er zu argumentieren. Er konnte, das sei nicht verschwiegen, heftig reagieren, wenn er mit einem Entscheid nicht einverstanden war. Mit begründeten Gegenargumenten aber gewann man seinen Respekt und seine Unterstützung.

Rehetobel und das Appenzellerland verlieren mit ihm einen Intellektuellen, dem das Nahegelegene und Regionale so wichtig war, dass er den Verlockungen der Ferne widerstand. Die wichtigste Person und Gesprächspartnerin war seine Frau Elli. Sie teilte seine Liebe zu Büchern und Musik, trug seine vielen Aktivitäten mit, wies ihn auch darauf hin, wenn es Zeit war, Nein zu sagen. Als Altersgebresten sich bemerkbar machten, unterstützte sich das Paar gegenseitig bei deren Bewältigung, konnte auch auf die Hilfe der drei Kinder zählen, wohnte mit Spitex-Unterstützung im eigenen Haus an der Gartenstrasse, blieb dank Telefon und Computer mit der Aussenwelt verbunden und verfolgte mit Interesse die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen.