Ein Hoch auf die Pressefreiheit

Zum Leserbrief «2000 Wünsche gehen ins Regal», Ausgabe vom 25. November

Ursula Schoch Hudovernik, Speicher
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Das Spital Heiden gilt als wichtiger Arbeitgeber. (Bild: Benjamin Manser)

Das Spital Heiden gilt als wichtiger Arbeitgeber. (Bild: Benjamin Manser)

Danke an die «Appenzeller Zeitung», die der Bevölkerung eine Plattform anbietet, um ihre Meinung kund zu tun. Nicht so in der Gemeinde Speicher. Diese nimmt sich die Freiheit, Zensur auszuüben an Beiträgen für das Speicherer Gemeinde- blatt. Damit schiessen die verantwortlichen Herren ein ganz gewaltiges Eigen-Tor. Die Reichweite der Appenzeller Zeitung ist um ein Mehrfaches grösser als die des gemeindeeigenen Informationsblattes.

Um was geht es? Die Appenzeller Bahnen (AB) teilen an einer Informationsveranstaltung am 15. September mit, dass der Bahnschalter in Speicher per 31. März 2018 und derjenige in Teufen per 31. Dezember 2018 geschlossen werden. Der Aufruf eines sechsköpfigen Initianten-Komitees Ende September im Gemeindeblatt Speicher und als Leserbrief in der Trogner Info Poscht eingerückt, löst eine ungeahnte Reaktion bei der Bevölkerung von Speicher, Speicherschwendi und Trogen aus. Innerhalb von fünf Wochen unterschreiben 2 200 Personen die Bitte an die Gemeindebehörden von Speicher und an die Verantwortlichen der Appenzeller Bahnen (AB), die Dienstleistung für die Kunden nicht einzuschränken. Und es treffen immer noch Unterschriftenbogen ein. Am 7. November vernehmen die anwesenden Bewohnerinnen und Bewohner im Buchensaal Speicher an der Volksversammlung, dass die Würfel längst gefallen sind. Künftig werden die Kunden ihr Billett – allerdings nur für die Schweiz – zwischen Konditoren-Köstlichkeiten von Böhli Appenzell oder Fleischangeboten der Firma Fässler Appenzell beziehen können. Wer wird wohl Vorrang haben beim Einkauf? Was wird geschehen nach der Schliessung des Bahnschalters ab dem 1. April 2018 während des Umbaus? Was, wenn der Automat nicht funktioniert und es gibt Kontrollen in der Bahn? Kunden ohne Billett? Wie sollen sie beweisen, dass der Automat nicht funktionierte? Für Menschen aller Generationen ist es ein Kinderspiel, ein Billett für die Schweiz im Internet oder per App zu lösen. Aber was ist mit Spezialwünschen, wie beispielsweise Gruppenreisen ins Ausland, Studenten-Austauschreisen für Gymnasiasten, Kollektiv-Billette für Wandergruppen, bei Reklamationen, Unklarheiten, Rückfragen? Die Politische Gemeinde Speicher, das heisst wir Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, leisten einen jährlich wiederkehrenden Beitrag zwischen 800 000 und einer Million Schweizer Franken an den öffentlichen Verkehr. Die AB ihrerseits investiert über 230 Millionen Schweizer Franken in die Infrastruktur, unter anderem für Wagenmaterial, neue Geleise, Durchmesserlinie, Renovation der Depots. Mit der Schliessung der beiden Bahnschalter verlieren im Appenzeller Mittelland rund 15 000 Menschen einen direkten Zugang zu Beratung und vielerlei Dienstleistungen. Der Kunde ist bei den AB offensichtlich Nebensache, seine Bedürfnisse sind völlig unwichtig. Vielleicht schauten die Verantwortlichen der AB den Beitrag im TV «Club» zum Thema Digitalisierung. Dank genau dieser Digitalisierung ist dieser Beitrag noch länger abrufbar im Internet. Der Vertreter der SBB wies mit seinen starken Voten darauf hin, dass Dienstleistung/Beratung für den Kunden gerade in Zeiten der Digitalisierung höchste Priorität hat. Für alle speziellen Fälle und offenen Fragen dürfen wir an der Linie St. Gallen– Speicher-Trogen künftig «ausweichen» auf das Bahnreise-Zentrum der SBB in St. Gallen, oder an die bedienten Bahnhöfe in Heiden oder Appenzell.

Und wo waren nebst den Gemeindebehörden von Speicher die politischen Parteien? Weder auf kommunaler noch auf kantonaler Ebene wurde Einfluss genommen noch wahrgenommen, was sich da anbahnte zu Lasten der von ihnen vertretenen Bevölkerung. Der Kantonsrat «winkte» lediglich den Beitrag des Kantons Appenzell Ausserrodens an die Durchmesserlinie durch. Das Vertrauen in die gewählten Vertreter und Vertreterinnen auf kommunaler und kantonaler Ebene ist unter dem Null-Punkt. Wie sagt der Volksmund? Jede Gemeinde und jeder Kanton hat die Politiker, welche sie verdienen. Haben wir sie wirklich verdient?

Ursula Schoch Hudovernik, Speicher