Ein Hoch auf die Narren

Brosmete

Andy Lehmann
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Ein Narr zu sein zur rechten Zeit, ist auch eine Kunst. Schon im Mittelalter durfte der Hofnarr dem König das sagen, was andere wohl den Kopf gekostet hätte. Geschützt durch seine Narrenkappe war er mal ein Tölpel, mal ein Held. Er war gewiss nicht dumm, auch wenn man dies von ihm erwartete. Nicht selten gab er seinem König einen guten Rat, so quasi durch die Hintertüre.

Was gibt es Schöneres, als verkleidet auf die Gasse zu gehen. Einmal im Jahr ausbrechen aus dem Ich und die Narrenfreiheit geniessen. Der Obrigkeit auf parodistische Art den Spiegel vorhalten ohne Angst vor Repressalien. Das ist Fasnacht in seiner ursprünglichsten Form. Auch ich werde Jahr für Jahr vom Fasnachtsvirus befallen. Man sagt gar, es sei mir in die Wiege gelegt worden.

«Das Guggenkostüm ist fertig», wird mir per SMS mitgeteilt. Gespannt wie ein Flitzebogen stehe ich bald darauf bei meiner guten Schneiderfee auf der Matte. Dann ist er da, der grosse Moment. Als sie das Kostüm aus dem Schrank hervorzaubert, stehe ich freudig und mit grossen Augen da, wie ein kleines Kind vor dem Christbaum. Ich geniesse den Augenblick und schaue mir «gwundrig» das geschneiderte Kunstwerk an. Sie hat ganze Arbeit ­geleistet. Ich staune ob der Fingerfertigkeit, wie sie mit Nadel und Faden aus rund zehn Metern Stoff ein tolles Guggenkostüm ­erschaffen hat. Sie habe das «Gwändli» extra in der Nähe einer UV-Lampe genäht. Der Stoff soll sich schliesslich an das schummrige Licht in den dekorierten Lokalen gewöhnen, gibt sie mir ein kleines Geheimnis ihres Wirkens preis. Es kribbelt in meinem Bauch, jetzt bin ich bereit für die fünfte Jahreszeit. Ich werde sie in vollen Zügen geniessen und mich freuen, für ein paar Tage ein Narr sein zu dürfen.

Andy Lehmann