Ein «gewaltiger» Abend mit Eveline Widmer

TROGEN. Um 20.05 Uhr greift Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zur Mineralwasserflasche. Sie schenkt sich und ihren Gastgebern, alt Nationalrätin Dorle Vallender und Ständerat Hans Altherr, ein.

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Amüsieren sich prächtig auf dem Podium des «13. Trogner Gesprächs» im Kronensaal: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und die Gastgeber Dorle Vallender und Hans Altherr. (Bild: Martina Basista)

Amüsieren sich prächtig auf dem Podium des «13. Trogner Gesprächs» im Kronensaal: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und die Gastgeber Dorle Vallender und Hans Altherr. (Bild: Martina Basista)

Trogen. Um 20.05 Uhr greift Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zur Mineralwasserflasche. Sie schenkt sich und ihren Gastgebern, alt Nationalrätin Dorle Vallender und Ständerat Hans Altherr, ein, nur Sekunden, nachdem die drei auf dem Podium des 13. Trogner Gesprächs im voll besetzten Trogner Kronensaal Platz genommen haben. «Das ist das erste Mal, dass der Gast gleich selber Hand anlegt», sagt Vallender – und erntet herzliche Lacher.

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Es werden nicht die letzten Lacher sein, die während des rund 100minütigen Gesprächs im Saal zu hören sind. Entspannt und locker sind die Bundesrätin und deren Aussagen; oft heiter, manchmal ernst und/oder politisch scharf plaudert sie aus dem Nähkästchen der Felsberger Familie Widmer-Schlumpf ebenso wie aus jenem der früheren Bündner Regierungsrätin, Departementschefin im EJPD und heutigen Finanzministerin.

Dabei zeigt sich Widmer-Schlumpf ihrem Publikum als volksnahe Politikerin ohne Starallüren, als Frau jenseits der Classe politique und als Bundesrätin, die mit Lust und Sachkenntnis politisiert. Das Publikum erlebt aber auch die Familienfrau und Mutter Eveline Widmer-Schlumpf, die ihre Einkäufe selber tätigt und weiss, was der Liter Milch im Laden kostet.

«Ich koche jeden Sonntag für meine Familie», sagt sie, um nicht zu verhehlen, dass sie dann Chefin in der Küche sei.

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Sukzessive erfährt das Publikum mehr über die Frau aus dem Bündnerland, die an diesem Abend zu Gast ist in jenem Appenzellerland, welches Dorle Vallender zu Beginn als «Pforte von Graubünden» bezeichnet hat.

Die Bundesrätin streift Themen wie ihr kürzlich erfolgter Departementswechsel, die Situation der Schweiz in Europa, die «schwieriger geworden ist», die Majorzwahl der kantonalen Parlamente, welche Ausserrhoden und Graubünden als einzige Kantone noch kennen, die Verschuldung des Bundes, verteidigt gegenüber Hans Altherr die Erhebung von Zöllen auf Waren, nimmt Stellung zu «gewissen politischen Kreisen, die es mit dem Anstand nicht so genau nehmen», wie ein Mann im Publikum

feststellt, zur politischen Bildung an den Schweizer (Oberstufen-)Schulen oder zur Frage von Dorle Vallender, ob sieben Bundesräte zu viel oder zu wenig seien, was Widmer-Schlumpf mit «sieben sind genau richtig» beantwortet.

Ob die Bundesrätinnen und -räte überhaupt noch miteinander diskutierten, will Hans Altherr darauf wissen. «Es gibt in jeder Bundesratssitzung ein Geschäft, das heftig diskutiert wird», sagt der Gast aus Felsberg. Innerhalb des Bundesrates gebe es «harte Abstimmungen, aber wir haben keinen Zickenkrieg».

Vielmehr müsste laut der Finanzministerin eine bundesrätliche Männerförderungsquote eingeführt werden.

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So zentral immer wieder Themen aus dem politischen Leben einer Bundesrätin zur Sprache kommen, ihr scharfer, analytischer Geist und die Fähigkeit aufblitzen, komplexe Sachverhalte einfach und verständlich zu erklären – im Zentrum des Abends steht Eveline Widmer-Schlumpf als Person.

Mit Charme und Witz erzählt sie von den Grosseltern, mit denen sie sich stets auf Romanisch unterhalten habe. Noch heute fluche sie manchmal auf Romanisch, um ihrem Ärger Luft zu machen: «Dann versteht mich in Bern niemand.» Sie beschreibt ihre ersten politischen Schritte als Teenager, als sie – sehr zum Missfallen ihres Vaters, alt Bundesrat Leon Schlumpf – immer das Gegenteil von dessen Meinung vertreten habe. «Mein Vater fand das nicht so lustig. Ich schon.

» Dennoch scheint der Vater eine prägende Figur gewesen zu sein im Werdegang Eveline Widmer-Schlumpfs zur Politikerin. Er sei es gewesen, der ihr 1968 erklärt habe, worum es beim Einmarsch der Roten Armee in Prag ging. «Das war ein Schlüsselerlebnis für mich als zwölfjähriges Mädchen», sagt die heute 54-Jährige.

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Eigentlich habe sie Kinderärztin werden wollen, antwortet Widmer-Schlumpf auf die Frage Dorle Vallenders, ob bei jener «politischen Schnupperlehre» im Elternhaus der Weg in die Politik bereits vorgezeichnet gewesen sei.

Auch ihr Mann sei sehr politisch interessiert, dito ihre älteste Tochter und ihr Sohn, das jüngste ihrer drei Kinder. Als die Bundesrätin in der Folge verrät, dass sich ihr Sohn, der in Bern studiert, aber nicht in ihrer Berner Wohnung lebe, ab und zu über ihren Kühlschrank hermache, amüsiert sich das Publikum einmal mehr prächtig.

Bei der Schilderung ihrer ersten beiden Monate im Amt als – umstrittene und angefeindete – Bundesrätin hingegen, als sie massive Drohungen bis hin zu ihrer eigenen Todesanzeige samt Datum der Abdankung erhalten habe, bleibt manchem das Lachen im Hals stecken. Damit wird auch die Antwort nach ihrem Lieblingswort zweideutig: «Mein Lieblingswort ist eigentlich <gewaltig> im Sinne von <gewaltig schön>», sagt sie und ergänzt: «Meine Tochter hat mir den Gebrauch dieses Wortes verboten.

Nach gut 100 Minuten verlassen die rund 100 Gäste den Saal mit der Gewissheit, eine spannende Person zeitgenössisch-helvetischer Politik hautnah erlebt zu haben; und den ersten Gast der Trogner Gespräche, der nicht nur das Wasser selber einschenkt, sondern auch mit dem Zug nach Trogen gefahren ist.

Benno Gämperle