Ein Geschäft der Netzwerke

Seit sechs Jahren ist Karin Jung Leiterin des Amts für Wirtschaft in Appenzell Ausserrhoden. Doch kaum jemand weiss, wie sich der Arbeitsalltag der 37-Jährigen gestaltet. Ihre Aufgaben sind vielfältig, ein tragfähiges Netzwerk unerlässlich. Eine Reportage von Rik Bovens.

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Dienstag, 14 Uhr. Ein Sitzungszimmer im Ausserrhoder Regierungsgebäude. Selbstsicher lehnt Karin Jung in ihrem Stuhl. Der Pin mit dem Logo des Kantons Appenzell Ausserrhoden prangt wie immer am Revers ihres weissen Jacketts. Die Projektleiter Martin Geiser und Christian Wüst treten leicht verspätet in das kleine Zimmer und setzen sich zu ihrer Chefin. Die Sitzung beginnt.

Jede Woche trifft sich das Team um die Leiterin des Amts für Wirtschaft zu einer Besprechung. Karin Jung weiss, dass nur wenige um die Tätigkeiten des Amts Bescheid wissen. «Unser Aufgabengebiet ist sehr vielfältig. Wir siedeln Unternehmen an, pflegen den Kontakt zu ansässigen Firmen. Doch auch für die Regionalentwicklung sind wir zuständig», erklärt sie. Am wichtigsten sei jedoch, die richtigen Leute zu kennen. Ein Geschäft der Netzwerke.

Promotion auf dem Säntis

Die Netzwerkpflege gelinge ihrem Team gut, so Jung. Probleme zeigen sich hingegen bei der Ansiedlung neuer Unternehmen. Immer weniger Firmen wollen ihren Sitz in die Schweiz verlegen. «Die Schweiz ist schon lange kein Selbstläufer mehr», weiss die 37-Jährige. Grund dafür seien auch die Abstimmungsergebnisse der jüngeren Vergangenheit. Es herrscht zunehmend Erklärungsbedarf. «Wir müssen ausländischen Unternehmern das System der direkten Demokratie erklären», so Karin Jung. Das erschwere ihre Arbeit. Trotzdem sei es die Aufgabe der Wirtschaftsförderung, diese Aufklärungsfunktion zu übernehmen.

Dass ausländische Investoren trotz diesen Umständen noch Interesse am Wirtschaftsstandort Schweiz hegen, zeigt sich in der Teamsitzung. Im Fachjargon wird über einen Promotionsanlass mit russischen Firmenbesitzern diskutiert. Christian Wüst soll die umworbenen Unternehmer auf dem Säntis zur Ansiedlung ihrer Firmen im Kanton bewegen. Doch nur die schöne Aussicht und ein niedriger Steuerfuss reichen schon lange nicht mehr, um die Interessenten zu überzeugen. Wie schnell sich die Gesetzgebung verändert, wie viel in Forschung und Entwicklung investiert wird oder wie effizient die Verwaltung arbeitet, hat laut Karin Jung an Bedeutung gewonnen. «Die Wirtschaftsförderung muss deshalb eine gute Vernetzung und schnelle, solide Arbeit zeigen», sagt sie bestimmt. Denn ohne ein tragfähiges Netzwerk erreiche man die interessierten Unternehmen gar nicht erst.

Netzwerken ohne Ende

Ist man einmal in Kontakt mit den betreffenden Firmen, sind weitere Beziehungen nötig, um spezifische Fragen der Unternehmen zu klären. Dafür brauche es zum Beispiel Kontakte zu Steuerberatern oder Bank- und Immobilienfachleuten. «Das Netzwerken ist eine fortwährende Aufgabe, die nie ein Ende findet», erklärt Jung. Nicht nur das Knüpfen neuer Kontakte sei wichtig. Auch bestehende Beziehungen müssen gepflegt werden. In einem kleinen Kanton wie Appenzell Ausserrhoden funktioniere diese Kontaktpflege gut, die Kommunikation sei direkter als in grösseren Kantonen. Trotz des vielfältigen Angebots an sozialen Netzwerken im Internet ist der persönliche Kontakt für Karin Jung auch heutzutage noch von grosser Bedeutung. Aus diesem Grund steht die Leiterin des Amts für Wirtschaft aktiv in Kontakt mit den Unternehmen in der Region und stattet ihnen in regelmässigen Abständen Besuche ab.

Die Pläne im Kopf

Eines dieser ansässigen Unternehmen ist das Herisauer Jungunternehmen innomec AG an der Industriestrasse. Die Firma konstruiert und fertigt spezielle Maschinenteile. Inhaber Lucas Zürcher empfängt die Delegation bestehend aus Karin Jung, Martin Geiser, Frau Landammann Marianne Koller-Bohl und dem Herisauer Gemeindepräsidenten Renzo Andreani. An meterhohen Regalen vorbei gelangen sie in den hinteren Teil einer Lagerhalle, wo sich die innomec AG eingerichtet hat. Viel Platz brauche er nicht, erzählt Zürcher und wird dabei beinahe vom lauten Brummen seiner Maschinen übertönt. Der schale Geruch von Kühlflüssigkeit liegt in der Luft. «Die Maschinenteile konstruiere ich in meinem Kopf, statt sie aufzuzeichnen. Das spart Zeit», erklärt Zürcher den Besuchern. Nach den Ausführungen des Jungunternehmers unterhält man sich über die aktuelle Marktlage und die Entwicklung des Unternehmens. Auch auf die Anliegen des Jungunternehmens wird eingegangen. Zürcher beklagt, dass er seine Firma nicht optimal beschildern dürfe. Renzo Andreani verspricht, das Problem anzugehen.

Die ewige Traktandenliste

Zurück in der Teamsitzung sind mittlerweile alle aktuellen Ansiedlungsprojekte abgehandelt. Nun beschäftigt man sich mit der «ewigen Traktandenliste», wie Karin Jung sie nennt. Dort sind alle neben den Ansiedlungsprojekten weitere Themen und Projekte aufgeführt, mit denen sich die Wirtschaftsförderung zur Zeit beschäftigt. Karin Jung gibt knappe, schneidige Anweisungen über das weitere Vorgehen in den einzelnen Themen und Projekten. Dann ist die Sitzung auch bereits wieder beendet. Karin Jung gibt noch einige letzte Anweisungen für die kommende Woche. Die Anwesenden unterhalten sich in einem lockeren Tonfall über aktuelle Geschehnisse. Doch bald wieder ruft die Pflicht und die beiden Projektleiter verschwinden wieder durch den Türrahmen. Karin Jung bleibt zurück, locker in ihrem Stuhl lehnend.

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