Ein fehlender Brief

Ausserordentliche familiäre Ereignisse bringen Rituale mit sich. Eines davon ist das Versenden von kreativ gestalteten Geburtskarten. Wer diese nicht allesamt selber in die Briefkästen der Freunde und Verwandten schoppen möchte, kann es durch den Mann mit dem gelben Töffli erledigen lassen.

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Bild: Martina Basista

Bild: Martina Basista

Ausserordentliche familiäre Ereignisse bringen Rituale mit sich. Eines davon ist das Versenden von kreativ gestalteten Geburtskarten. Wer diese nicht allesamt selber in die Briefkästen der Freunde und Verwandten schoppen möchte, kann es durch den Mann mit dem gelben Töffli erledigen lassen. Wer zudem keine Lust hat, die Briefe selber mit der Marke zu bekleben, kann auch diese Dienstleistung bei der Schweizerischen Post beziehen. Die Briefe bekommen dann einen «PP-Stempel». Pauschalfrankierung heisse dies, erklärte mir kürzlich die Dame am Postschalter. Um nachzuschieben: «Es ist aber nur möglich, wenn es mindestens 50 Briefe sind, und es kostet fünf Franken extra.» «Klingt gut», denke ich, «wer schleift schon gerne seine Zunge 50mal über die eklig klebrigen Briefmarkenrücken.» Der Deal steht.

Ich schiebe alle meine Briefe unter der Glasscheibe hindurch. Die Dame hinter dem Schalter beginnt zu zählen. Und dann passiert's: Ihr Gesichtsausdruck verdüstert sich schlagartig. Wie ein stürmisches Sommergewitter zieht eine grimmige Miene über ihr Gesicht, die Mundwinkel fallen wie ein Wasserfall hinunter. «Es sind nur 49 Briefe», erfahre ich in resolutem Ton. Nur 49! 50 müssten es sein, damit ich in den fünffränkigen Genuss käme, die Karten pauschal frankieren zu lassen. 50, und keine weniger! Ich müsse die Karten wieder retour nehmen und diese selber frankieren. Aber wo hätte ich das tun sollen? Womöglich vor ihr am Schalter? Die Briefmarken rücklings an die dicke Schutzscheibe des Schalters gedrückt, um sie dann mit der Zunge abzuschlecken? Oder hätte ich einen Schwamm hervorzaubern sollen, um die grossen Briefmarkenbogen zu befeuchten? Zugegeben, dass heutzutage Briefmarken nicht mehr befeuchtet werden müssen, ist mir in diesem Moment entfallen.

Nach und nach wird die Schlange hinter mir länger und länger. Und alle halten ihr gezogenes Ticket, welches ihnen den Zutritt an den Schalter ermöglicht, in den Händen. Einige winken schon leicht erbost damit, andere schnauben tief. Nach kurzer Überlegung schiebe ich den ganzen Stapel Briefe wieder unter der Scheibe hindurch. «Verrechnen Sie 50 Briefe. Die Pauschalfrankierung ist mir auch 5.85 Franken wert.» Nun steht der Deal, die Briefe sind unterwegs zu Verwandten und Freunden.

Bruno Eisenhut