Ein Espresso wie in der Bar

Bis vor einigen Wochen war meine Kaffeewelt noch in Ordnung.

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Appenzeller Verlag (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Verlag (Bild: Martina Basista)

Bis vor einigen Wochen war meine Kaffeewelt noch in Ordnung. Morgens nach dem Aufstehen wusste ich immer, was zu tun war, die drei Handgriffe beherrschte ich im Schlaf: In den Wasserbehälter meiner «Moka Express» frisches Wasser giessen, zweieinhalb Teelöffel Kaffeepulver in den Filter füllen, die Kaffeekanne zusammen schrauben und ab auf den Herd. Nach wenigen Minuten blubberte die «Moka», ich wartete, bis sie zischte, und als sie fauchte, nahm ich sie vom Feuer. Es war ein Ritual, das ich bei meiner sizilianischen Tante gelernt habe. Zia Grazia bereitete die «Moka» jeweils schon vor dem Mittagessen vor. Nach Pasta, Schwertfisch, Früchten und Mandelkonfekt hingen wir in den Korbstühlen und hielten uns die Bäuche. Dann fragte die Zia: «Soll ich sie aufs Feuer stellen?» – wir nickten. Es blubberte, zischte und fauchte. Und wieder die Zia: «Ein oder zwei Löffelchen Zucker?» Alfonso Bialetti, der Erfinder der «Moka Express», erschuf während des Zweiten Weltkriegs mit seiner Kaffeekanne einen Klassiker, der millionenfach kopiert wurde. Anfänglich blieb der Erfolg aus, weil Alfonso Handwerker und kein Werber war. Als sein Sohn Renato aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückkam, erkannte er das Potenzial der Wundermaschine. Er investierte in Werbung und versprach den Italienern «in casa un espresso come al bar» – zu Hause einen Espresso wie in der Bar. Heute ist alles anders – wir leben in einer verkapselten Welt. Wenn ich heute beim Grossverteiler einkaufe, reichte es nicht mehr, wenn ich ein Kilo Kaffee kaufe. Zu Hause brauche ich neuerdings «Royal-Kapseln», im Büro funktionieren nur diejenigen von «Delizio», und ein Freund von mir schwört auf Kafeepads von «Amici». Den Vogel schoss meine Tante ab, als sie meiner Mutter ein speziell kalkarmes Mineralwasser für die Zubereitung empfahl. Nicht etwa wegen des Geschmacks, sondern weil es die empfindliche Kaffeemaschine schone. Alfonso Bialetti würde sich über unsere Verrenkungen wundern. Seine «Moka Express» hat sich seit 80 Jahren kaum verändert und sein Versprechen bewegt noch heute die Massen: zu Hause ein Espresso wie in der Bar.

Michael Genova