Ein «Elch-Test» mit dem Ziel NHL

Timo Meier spielt seit Herbst 2013 für Kost, Logis und ein Taschengeld in einer kanadischen Eishockey-Juniorenliga: Warum der Stürmer aus Herisau keine Zeit für Heimweh hat, aber grosse Beachtung auf YouTube findet.

Lukas Pfiffner
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In kanadischen Arenen unterwegs: Timo Meier aus Herisau (links). (Bild: pd)

In kanadischen Arenen unterwegs: Timo Meier aus Herisau (links). (Bild: pd)

EISHOCKEY. «From Herisau hills to Halifax rinks, Swiss import Meier hooked on hockey» stand kürzlich in der Online-Ausgabe des Magazins «Metro». Timo Meier hat sich «festgehakt», um als zweiter Appenzeller Eishockeyspieler nach Jonas Hiller in der NHL zu spielen. Am vergangenen Wochenende erzielte der 18-jährige beim 2:3 der Halifax Mooseheads («Elchköpfe») gegen Cape Breton im 24. Spiel sein 11. Tor; ebenfalls zu Buche stehen 16 Assists. Er ist Topskorer des Clubs. «Nun bekomme ich mehr Vertrauen vom Coach, auch in Unterzahl und Überzahl. Ich habe eine wichtige Rolle im Team», freut er sich. Die QMJHL (Québec Major Junior Hockey League) ist eine der führenden Nachwuchsligen in Kanada und Meiers Club eine der ersten Adressen bei den Junioren. Bis zu 13 000 Zuschauer verfolgen die Heimspiele. Der Betrieb ist professionell. Profistatus hat Timo aber nicht – gespielt wird für Kost und Logis in einer Host Family und ein Taschengeld. Ein geregelter Tagesablauf wird verlangt: Meier belegt in der Highschool Lektionen in Englisch und Mathematik. Was die Freizeit betrifft, bezeichnet er sich als Stammkunde im Kino – und er bereitet sich auf die Fahrprüfung vor.

Abschied in Etappen

2013/14 kam er als «Rookie» (Neuling) in 78 Partien auf 18 Tore und 20 Assists. «In der ersten Saison musste ich mich herantasten, es war auf und neben dem Eis vieles neu», blickt Meier zurück. Er war keine 17 Jahre alt, als er im Sommer 2013 nach Kanada aufbrach, nachdem ihn die Mooseheads im Juniorendraft gezogen hatten. Es war die letzte Etappe des Abschieds: 2010 verliess er den SC Herisau und schloss sich den Pikes Oberthurgau an, 2012 wechselte er zu den Rapperswil-Jona Lakers. Er spielte bei den Novizen und Elitejunioren, begann eine KV-Lehre auf der Geschäftsstelle des NLA-Clubs. «Weil er da schon in einer Gastfamilie lebte, war die Umstellung nicht gar so gross, als er ins Ausland wechselte», sagt Vater Karl. Heimweh? Mit 68 Spielen schon vor den Playoffs habe er keine Zeit, daran zu denken, berichtet Timo. «Ich fühle mich sehr wohl hier.» Dreimal haben ihn die Eltern und die Schwester für ein paar Tage besucht, einmal begleitet vom Schweizer Fernsehen für die Sendung «Mission Surprise». Man habe mehrmals pro Woche Kontakt über FaceTime (Internet-Telefonie), erzählt der Vater.

«Eine riesige Motivation»

Im Sommer bereitete sich Timo in der Heimat off-ice individuell vor. Er war zudem auf dem Eis: in Herisau bei Marcel Kulls traditionellem Torhüterzusammenzug als «Schütze», in Rapperswil beim Training des NLA-Team. Meier ist 183 cm gross und 95 kg schwer. «Ich mag das physische Spiel, muss den Körper nützen.» Von Meiers Unerschrockenheit überzeug(t)en sich Tausende auch via Film – auf YouTube ist seine Aktion von Ende Oktober gegen David Henley von Charlottetown zu sehen: Dieser hatte Meiers Mitspieler Nikolaj Ehlers (Sohn des Lausanne-Trainers Heinz) über den Haufen gefahren und wurde darauf vom Herisauer arg verprügelt. Als «Spätgeborener» im Jahrgang 1996 kommt Meier 2015 in den Draft der National Hockey League. Es sei eine riesige Motivation, bringe auch ein wenig Druck. «Das ist gut, um die Bestleistung jeden Tag abzurufen.» Ob er seinen Traum NHL verwirklichen könne, liege nicht in seinen Händen. «Aber kontrollieren kann ich, wie ich mich vorbereite, wie ich trainiere und spiele. Darauf fokussiere ich mich. Das Resultat wird da sein, wenn ich hart arbeite und mich stetig verbessere. Ich denke, die Chancen stehen gut.»

WM als Schaufenster

Sein Agent Sandro Bertaggia, einst Schweizer Nationalspieler, hält die Fäden der Karriereplanung und Kontakte zusammen. Ein bedeutendes Schaufenster, sich den Scouts zu präsentieren, wird die U-20-WM sein. Diese findet vom 26. Dezember bis 5. Januar in Toronto und Montreal statt. Ehlers ist dann mit Dänemark ein Gegner Meiers. Sollte der Herisauer bis 2018 in die Schweiz zurückkehren, spielt er für die Lakers; dies ist vereinbart. Mit dem Verein vom Zürichsee hatte Timo Meier einen laufenden Vertrag, bevor er nach Kanada aufbrach. Wo läge dann die berufliche Zukunft? Er denke noch nicht konkret bis dahin. «Aber wenn es so weit käme, könnte ich mir vorstellen, Kurse zu absolvieren, um die KV-Ausbildung abzuschliessen.»