Waldstatt im Aufschwung: Wie die Gemeinde den Turnaround schaffte und das Jubiläumsjahr positiv angehen kann

Vor 300 Jahren löste sich Waldstatt von Herisau. Als Andreas Gantenbein 2013 zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde, plagten das Hinterländer Dorf finanzielle Sorgen. Nun sieht er zuversichtlich in die Zukunft.

Mea McGhee
Drucken
Teilen
Die Gemeinde Waldstatt feiert dieses Jahr ihr 300-Jahr-Jubiläum. Ziel bis 2023 ist eine Bevölkerungszunahme um gut 200 Personen.

Die Gemeinde Waldstatt feiert dieses Jahr ihr 300-Jahr-Jubiläum. Ziel bis 2023 ist eine Bevölkerungszunahme um gut 200 Personen.

Bild: Mea McGhee

«Es braucht Mut zum Investment, auch wenn es einem schlecht geht», mit dieser Überzeugung übernahm Andreas Gantenbein im Jahr 2013 das Gemeindepräsidium von Waldstatt. Damals zeichnete sich ab, dass das Eigenkapital der Hinterländer Gemeinde in die roten Zahlen absinken würde. Eine Steuererhöhung war unumgänglich. Sieben Jahre später haben sich die Finanzen erholt, im 2019 konnten die Steuern um 0,2 auf 4,3 Einheiten gesenkt werden. Das Eigenkapital ist auf über vier Millionen Franken angewachsen. Waldstatt kann 2020 als gesunde Gemeinde das 300-jährige Bestehen feiern.

Ein Unikum in Ausserrhoden

Waldstatt gehört damit zu den jüngeren Gemeinden in Appenzell Ausserrhoden. Es teilte mehrere Jahrhunderte die politische Geschichte mit Herisau. Erst 1719 wurde das Kirchen- und Armengut von Herisau getrennt und Waldstatt erlangte seine Selbständigkeit. Im Jahr 1720 wurde die Dorfkirche gebaut. Aufschwung gab der Gemeinde im Jahr 1789 die Verlegung der Verbindungsstrasse von St.Gallen ins Toggenburg statt über Schwellbrunn durch Waldstatt. Als einziges Dorf in Ausserrhoden grenzt Waldstatt nicht an einen anderen Kanton.

Infrastruktur und Lage als Pluspunkte

Andreas Gantenbein, Gemeindepräsident Waldstatt.

Andreas Gantenbein, Gemeindepräsident Waldstatt.

Bild: PD

«Ländlich, stadtnah, herzlich», diese drei Adjektive würden die Vorzüge des Dorfes treffend beschreiben, sagt Andreas Gantenbein. Er ist ein UR-Waldstätter und fühlt sich hier rundum wohl. Die Südhanglage sei vergleichbar mit jener in Rehetobel oder Teufen. Von seinem Lieblingsplatz auf der Geisshalde aus geniesst Gantenbein den Blick auf Bodensee und Säntis. Weitere Pluspunkte seien die gute Verkehrserschliessung, die Infrastruktur und das intakte Gewerbe mit Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf. Auf die gut 1800 Einwohner kommen rund 1000 Arbeitsplätze. Grosse Arbeitgeber sind Wagner AG, Arcolor AG, Blumer Techno Fenster AG, Hydremag AG oder Lignatur AG. 11,9 Prozent des Gesamthaushaltes werden durch die Einnahmen der Unternehmenssteuern gedeckt. Das ist mit Walzenhausen der Spitzenwert in Ausserrhoden.

Verschuldung weiter reduzieren

Für die Legislaturperiode bis 2023 hat sich der Gemeinderat vorgenommen, die Pro-Kopf-Verschuldung auf unter 1000 Franken zu verringern und den Steuerfuss unter das Mittel der Hinterländer Gemeinden auf 4,1 Einheiten zu senken. Weiter soll die Gemeinde wachsen. Angestrebt werden 2050 Einwohner. Ein ambitioniertes Ziel, angesichts von nur einer Handvoll freier Baulandparzellen. Innere Verdichtung sei hier nötig, so Gantenbein. Die Überbauungen Ochsenwies, Leuenwies sowie die Alterssiedlung im Bad Säntisblick nennt er als gelungene Beispiele.

Die Aufgabe als Gemeindepräsident bereite ihm Freude, er schätze es, wenn die Einwohner ihre Anliegen direkt an ihn herantragen, so Gantenbein. Gibt es Dinge, die in Waldstatt fehlen? «Ein Hotel», die prompte Antwort.

«Es ist schade, dass das Projekt im Bad Güetli nicht zum Fliegen gekommen ist.»

Auch mehr Wohnraum für Einzelpersonen bräuchte es. Viele Junge würden wegziehen, seien aber weiter in den Vereinen aktiv und so dem Dorf verbunden. Das Brauchtum hat im Dorf einen grossen Stellenwert. Gidio, Viehschau und Alter Silvester werden gelebt. Mit der Eröffnung des Speiserestaurants Schäfli sei das Dorf aufgewertet worden. Dass der Einkaufsladen Coop ausbauen möchte, stimmt den Gemeindepräsidenten zuversichtlich. Und auch die Gemeinde verfolgt ein Projekt: Der Kauf eines ehemaligen Armeetanklagers in der Oberwaldstatt gehörte zu Gantenbeins Vorwärtsstrategie. Das Areal konnte erworben werden. Hier sollen dereinst 10000 Quadratmeter Gewerbeland zur Verfügung stehen. Momentan wartet der Gemeinderat auf die Inkraftsetzung des Arbeitszonenmanagement durch den Regierungsrat.

Festwochenende im September und ein Holzweg

Höhepunkt des Jubiläumsjahrs ist das grosse Festwochenende vom 11. bis 13. September. Das elfköpfige Organisationskomitee unter der Leitung von Beat Müller stellt unter dem Motto «Waldstatt bewegt sich» ein Programm für die Bevölkerung zusammen. Die zwei Eckpfeiler sind das Festwochenende und die Erstellung eines Holzweges, so Beat Müller. Der eigentliche Festakt eröffnet am Freitag das Jubiläumswochenende. Der Samstag ist der Tag der Begegnungen. Anlässlich einer Klassenzusammenkunft soll ein grosses Treffen stattfinden. Die Musikgesellschaft Waldstatt lädt an diesem Tag zu ihrer Neuuniformierung, und der Holzweg wird eingeweiht. Der Sonntag bietet ein Programm mit Spiel und Spass für Familien. Zudem wird ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Das Festzentrum mit Barbetrieb befindet sich in Zelten auf dem Sportplatz.

Anlässe in den Quartieren

In den kommenden Wochen und Monaten organisieren Einwohner, Vereine und die Kirche verschiedene Anlässe. Diesen Sonntag von 14 bis 16 Uhr gibt es zum Beispiel im MZG einen Geschichtennachmittag für Gross und Klein. Verschiedene Quartierfeste sind geplant: Schneebar in der Harschwendi West (23. Februar), «Begegnig im Oberdorf» (24. Mai). Weiter ist eine Kirchenbank auf dem Gemeindegebiet unterwegs, die an verschiedenen Orten Begegnungen ermöglichen soll. Mehrmals werden Kirchturmführungen angeboten. Weitere Informationen unter www.300jahrewaldstatt.ch