Ein Brauch mit Raum

Zäuerli da, Rollen- und Schellenklänge dort. Im Appenzellerland wird der Silvester von ausserordentlichen Klängen begleitet. Der Brauch bietet Raum für Wandel. Bruno Eisenhut

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Zwar beginnt auch im Appenzellerland am Neujahrstag ein neues Jahr. Es startet aber auch die Zeit zwischen dem Neuen und dem Alten Silvester. Besonders für die aktiven Silvesterchläuse ist dies die Zeit des Rückblick auf die erste Hälfte des urigen Brauches, aber auch die Zeit der Vorfreude auf den Alten – für Silvesterchläuse den richtigen – Silvester. Der jüngste Silvester hat es gezeigt, der Brauch des Silvesterchlausen zieht die Schaulustigen in Massen an. Es kommt nicht selten zu Volksaufläufen, so dass sich die Silvesterchläuse nicht mehr wohl fühlen.

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Die Folge davon wurde in Herisau ersichtlich. Leute säumten zur Mittagszeit in Scharen das Dorfzentrum, Chläuse waren aber nur wenige zu sehen. Getraute sich ein Schuppel in die wartende Masse, wurde dieser von der ungeduldigen Zuschauerschar förmlich aufgefressen. Nicht nur in Herisau ist diese Entwicklung festzustellen. Nebst Urnäsch, das alljährlich einen Magneten für Zuschauer darstellt, füllen sich auch Randregionen wie beispielsweise die Risi in Schwellbrunn mit Freundinnen und Freunden der Tradition. Der traditionelle Silvesterbrauch scheint jedes Jahr noch beliebter zu werden. Die Frage nach dem Kulminationspunkt des Interesses sei daher erlaubt. Ist es der Aufenthalt in der Natur, der die Leute anlockt, oder ist es das Rätseln darüber, wer wohl unter der Larve stecken mag? Trägt die Freude an den Zäuerli zum Interesse bei? Oder ist es eher das Staunen über die aufwendig hergestellten Hauben, Hüte oder das Groscht, das dafür sorgt, dass Massen den Chläusen auf den Spuren sind? Wesentlich dürfte der stetige Wandel des Brauches zum grossen Interesse beitragen. In Urnäsch beispielsweise scheuen die Silvesterchläuse keinen Aufwand, um den Brauch zur Perfektion zu bringen. Insbesondere die Schönen übertreffen sich von Mal zu Mal mit filigraner Verzierung an Hauben und Hüten und überraschen mit der Wahl des Sujets.

In anderen Gegenden sticht ins Auge, dass der vorhandene Raum für Neuerungen anderweitig genutzt wird. In Stein beispielsweise besuchte ein Schuppel, bestehend aus knapp zehn Mannen, die Leute. Nicht die Grösse des Schuppels faszinierte, sondern dessen Aufmachung. Bei den schö-wüeschten Chläusen war der Einfluss der Gebrüder Grimm wegen der leuchtenden Petrollampen und Zwergenmützen aus Reisig schnell ersichtlich. Das Schneewittchen und eine Hexe als Rollenweiber verdeutlichten diesen Eindruck.

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So unterschiedlich die verschiedenen Silvesterchläuse sein mögen: Wenn die Schellen und Rollen verstummen und einer der Mannen im Rund in ein Zäuerli einstimmt, dann spielt es keine Rolle, ob Hauben und Hüte filigran verziert, ob das Groscht in Perfektion erstellt oder ob leuchtende Laternen inmitten des Kreises abgestellt sind: Spätestens dann zieht es das Publikum in den Bann.