Ein Blindflug am Ende der Flugshow

Beim letzten Jump im dritten Run vergibt Freestyle-Snowboarder Jan Scherrer an der Weltmeisterschaft im österreichischen Kreischberg/Lachtal im Final die Chance auf den möglichen Podestplatz und wird lediglich Zehnter. Die Enttäuschung beim Obertoggenburger war gross.

Urs Huwyler
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Der Blick auf die Resultattafel vermag Jan Scherrer nicht zu trösten. (Bild: Urs Huwyler)

Der Blick auf die Resultattafel vermag Jan Scherrer nicht zu trösten. (Bild: Urs Huwyler)

SNOWBOARD. Olympiasieger und Weltmeister Iouri Podladtchikov (vierter Platz) schrie am Auslauf der Halfpipe in Kreischberg entsetzt auf. Medaillenkandidat Christian Haller (Rang 7) schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. der Olympiafünfte David Hablützel (neunter Platz) sprach vom Supergau als Jan Scherrer (Ebnat-Kappel) im dritten Run nach dem letzten Jump am Boden lag.

Der Toggenburger blieb zwar unverletzt, aber damit war die Kanterniederlage der Halfpipe-Grossmacht Schweiz besiegelt. Erstmals seit 2009 reichte es der Freestyle-Fraktion lediglich zu ehrenvollen Klassierungen und einer Party auf Sparflamme, obwohl es zuvor noch nie ein Quartett ins Finale der besten zehn geschafft hatte.

Jan Scherrer zählte als dritter der Qualifikation zum engsten Favoritenkreis. Im Training und in der Vorrunde musste er nie in den Schnee greifen, stand wie der achte Churfirst in der Pipe. «Und dann stürze ich im Final in jedem der drei Runs. Im ersten bin ich falsch angefahren, im zweiten habe ich den Fehler nochmals begangen, im dritten dann jedoch geändert», erklärte der bald 21jährige Toggenburger. Zwischen den Durchgängen wirkte er zuversichtlich und gab sich kämpferisch. Er wusste und sah, dass die Spitze nicht mit Tricks brillierte, die ihn beunruhigen musste.

Gold für Keller

Und er bot dem Publikum auf den letzten Drücker die erwartete Flugshow, stand die Sprünge ohne grössere Probleme. Der drittklassierte Slowene Tim-Kevin Ravnjak stand mit einem Bein schon fast neben dem Podest. «Die Brille hatte sich verschoben. Ich sah vor dem letzten Trick nichts mehr», liess er seine ebenfalls wie begossene Pudel dastehenden Kollegen wissen.

Der scherrersche Brillen-blindflug endete logischerweise mit einem Sturz und das nationale Drama endete auf der grossen Bühne dramatisch. Die Darsteller mussten sich jedoch nicht vor dem Publikum verneigen. 2003 sicherte sich in Kreischberg Jan Scherrers ehemaliges Vorbild Markus Keller den WM-Titel. Der Kreis hätte sich schliessen können, doch am Berg wurde nicht gejubelt, sondern gekreischt. «Unglaublich, was da passierte. Irgendwie gibt es das gar nicht», verstand der enttäuschte Olympiasiebte von Sotschi die Snowboard-Welt Minuten nach der Entscheidung noch immer nicht. Dass es den Kollegen kaum besser erging, wurde nicht zum – heimlichen – Trost, sondern verstärkte den WM-Frust zusätzlich. In dieser Beziehung überzeugten die vier Landsmänner: Sie lebten den Teamgedanken auch ohne einheitliche Kleider.

Das wars mit der WM. Jan Scherrer verzichtet auf den Big Air-Contest am Wochenende in Kreischberg und reist mit den Kollegen nach Laax, um in der grössten Halfpipe Europas auf die in der Szene hochangesehenen Freestyle Contests zu trainieren. WM-Medaillen bei den Wettkämpfen des Internationalen Skiverbandes FIS geniessen in der Öffentlichkeit einen besonderen Stellenwert, Titel bei irgendwelchen X- und andern Games werten die Insider höher. Die Gedanken von Jan Scherrer, es müsste eigentlich eine Tournée mit allen Stars geben, dürfte kaum vom Tisch sein.

Zugleich mit dem durch den Australier Scotty James vor Yiwei Zhang (China) und Tim-Kevin Ravnjak (Slo) gewonnenen Halfpipe-Final fand in Innsbruck im Berg Isel-Stadion die «Big Air and Style»-Show mit dem in Sotschi von Iouri Podladtchikov entzauberten Shaun White (USA) statt. So, als würden die Lauberhorn-Abfahrt und der Riesenslalom in Adelboden parallel veranstaltet. «Es braucht in Zukunft Leute an der Spitze, die nicht nur als Snowboarder denken», lässt sich zusammenfassen, was gemässigte Freestyler denken. Dann fiele die Entscheidung an einer WM kaum mehr in drei langatmigen, sondern zwei Runs.

Meyer am Donnerstag

Am Donnerstag steht mit Fabian Meyer (Neu St. Johann) der nächste Toggenburger oben an der Halfpipe. Bei den Freeskiern fällt die Entscheidung mit Qualifikation am Morgen und Final gegen Abend gleichentags. «Ich habe bis zuletzt in Laax trainiert», strahlt der WM-Neuling Zuversicht aus. Für ihn lautet das Minimalziel in der noch jungen Disziplin Finalqualifikation. Dann ist alles möglich. Jan Scherrer und die Swiss Ski-Boarder haben es einmal mehr illustriert. Joel Gisler (Libingen) wird in Kreischberg definitiv fehlen. Er befindet sich nach seinem Rückenwirbelbruch im schneelosen Kraftaufbautraining. Er verspürt keine Schmerzen mehr und auch die Bewegungsfreiheit ist nicht eingeschränkt.