«Ein Auto soll auch Spass machen»

Das Auto zwischen Vernunft und Spass. Für Garagist Edy Kobelt ist dies ein täglicher Drahtseilakt. Auf einer rasanten Schwägalpfahrt erzählt der Auto-Fachmann von seiner Vermittlerrolle bei den Kundinnen und Kunden.

Michael Hug
Drucken
Teilen

wattwil. 210 Pferde reissen den GTI das Chräzerli hoch. Leicht driftet der Golf über die Vorderräder, aber der geübte Fahrer lässt ihn rollen, fängt ihn kurz vor dem Granit am rechten Strassenbord ab und beide bleiben unbeeindruckt – die Steine und Edy Kobelt. Die Benzinverbrauchsanzeige zeigt keine Traumwerte. Welches ist der vernünftigste Autotyp im Toggenburg?

Auto als Vernunftfaktor

«Klarer Fall: Ein Allrad!» Mit einem Vierradantrieb sei man in dieser Gegend für alle Situationen gewappnet, ist Kobelt überzeugt. «Empfehlen würde ich auch ein umweltfreundliches Auto mit niedrigem Kohlendioxidausstoss und um die 120 PS.» Kobelts momentaner Favorit und attraktivstes Pferd im Stall, das nun gerade etwas unvernünftig die Schwägalp hochgaloppiert, ist beides nicht – es hat keinen Allradantrieb, aber fast doppelt so viele PS: «Man kann auch

mit leistungsstarken Autos umweltfreundlich fahren, indem man zum Beispiel auch am Berg sofort nach der Kurve hochschaltet.» Immer alle Gänge durchschalten empfiehlt der Garagist, die Tourenzahl bei 2500 halten und: «Vorausschauend fahren und das Gaspedal wie ein rohes Ei behandeln.»

Auto als Spassfaktor

Vernunft ist das Eine. «Aber Autofahren kann auch Spass machen», meint der ehemalige Rennfahrer.

Auf der Testfahrt auf die Schwägalp kitzelt er bewusst an der Spritzigkeit des Autos, die vor allem in den Spitzkehren zum Ausdruck kommt. Wuchtig beschleunigt das 48 000-Franken-Gefährt aus jeder Kurve. Dem Beifahrer wird's mulmig im Magen: «Bei einem Bergrennen ginge es allerdings noch einiges heftiger zu und her», lacht der Fahrer und verweist auf Gegenverkehr und Geschwindigkeitslimiten, die noch schnelleres Fahren unterbinden.

Noch immer spürt Kobelt das Feuer des dynamischen Autofahrens in sich, weiss es aber auf der Strasse zu dosieren. «Ich fühle mich bei keinem anderen Autofahrer so sicher im Wagen wie bei Edy», sagt seine Frau Patricia. Warum werden immer noch Autos gebaut, die viel mehr Leistung als nötig aufweisen? «Der Markt will das so», sagt Kobelt, «wir Schweizer wohnen in den Bergen, das Gefühl einer gewissen Reserve macht sicher.»

Auto als Arbeitsmittel

Natürlich spiele das Ego des Fahrers auch eine bestimmte Rolle: «Man möchte halt etwas darstellen.» Im Clinch zwischen Vernunft und Übermut versteht sich Kobelt als Vermittler: «Ich versuche beim Käufer die Grenzen der Vernunft herauszuspüren, um ihm dann das passende Auto zu empfehlen.» Die Grenzen des Autos auszuloten ist da wesentlich einfacher.

Kobelt hat in seiner Rennfahrerkarriere alle möglichen Wagentypen gefahren, holte mehrere Schweizer Meistertitel und fuhr noch mit 54 Jahren der Renault-Clio-Elite davon.

Auto als High-Tech-Produkt

Ist das Autofahren durch die elektronischen Hilfen einfacher geworden? «Auf jeden Fall», ist Kobelt überzeugt. Doch auch er glaubt, dass die Grenzen des Nützlichen erreicht seien.

Viele Features lassen zwar staunen, würden aber auch die Illusion vermitteln, dass man als Fahrer keine Verantwortung mehr trägt. Auch bei Hybrid- und Elektroantrieben ist der Fachmann skeptisch: «Der Strom muss ja auch irgendwoher kommen.» Kobelt glaubt an eine Autozukunft mit extrem spritsparenden Motoren und an den sinnvollen Einsatz des Autos. Vom Autofahren als Zeitvertreib hält er persönlich nichts. Seine Leidenschaft ist das Bergwandern.

Aktuelle Nachrichten