Ein Appenzeller macht es mit links

Der TSV St. Otmar St. Gallen bestreitet derzeit den Playoff-Final der Handball-Meisterschaft. Dass es überraschenderweise so weit kommen konnte, liegt auch an Ramon Hörler aus Appenzell.

Martin Hüsler
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Heute kann Ramon Hörler in der Schaffhauser BBC-Arena mithelfen, das Blatt im Playoff-Final noch zu wenden. (Bild: Benjamin Manser)

Heute kann Ramon Hörler in der Schaffhauser BBC-Arena mithelfen, das Blatt im Playoff-Final noch zu wenden. (Bild: Benjamin Manser)

HANDBALL. Er unterläuft alle Gesetzmässigkeit, die üblicherweise in dieser Sportart gilt: Handballer sind gross und von kräftiger Statur – Gardemass eben. Auf wen das nicht zutrifft, hat es schwer, sich durchzusetzen. Ramon Hörler führt diese Theorie ad absurdum. Mit seinen 1,70 Metern gilt der 21jährige Linkshänder als kleinster Handballer in der Nationalliga A. Aber der rechte Flügel macht fehlende Körpergrösse durch bemerkenswerte Technik und unbändigen Einsatzwillen wett.

Erste NLA-Saison

Beim TV Appenzell, Hörlers Stammverein, hätte man den gefinkelten Rechtsaussen – Linkshänder kommen auf der rechten Seite zum Einsatz, damit sich bei ihren Abschlüssen der Winkel zum Tor weitet – gerne noch in den eigenen Reihen gehabt, als es in der abgelaufenen Saison darum ging, den Ligaerhalt zu schaffen. Sein Wechsel zu St. Otmar auf die Spielzeit 2014/15 hatte eine Lücke hinterlassen, die zu schliessen nicht einfach wurde, sind doch taugliche Linkshänder eine relativ rare Spezies. Der St. Galler Traditionsverein hatte den Appenzeller verpflichtet, nachdem der Tscheche Jan Filip vom Spielertrainer zum (inzwischen freigestellten) Trainer geworden war und Philipp Bärtschi, der zweite rechte Flügel, seine NLA-Karriere beendet hatte.

Ausfälle kompensiert

Bei St. Otmar sah man sich zunächst in der komfortablen Lage, mit vier Linkshändern in die Saison 2014/15 steigen zu können. Bald schon setzten aber langwierige Verletzungen sowohl Mirko Milosevic, der auf die nächste Saison zu Lakers Stäfa wechselt, als auch Jeremias Ryser ausser Gefecht. Das war Hörlers Chance. Ihm hatte man einen Stammplatz auf Anhieb nicht unbedingt zugetraut. Jetzt musste er notgedrungen kompensieren, was Verletzungspech an Ausfällen verursachte. Doch das Attribut «Lückenbüsser» brauchte von allem Anfang an nie bemüht zu werden. Meist vom Kroaten Vedran Banic, St. Otmars Linkshänder im Aufbau, klug eingesetzt, wusste sich Hörler schnell Respekt zu verschaffen. Und mittlerweile hat er sich auf einer Position etabliert, die manchen seiner Vorgänger zu Nationalmannschaftstauglichkeit reifen liess: Peter Jehle, Severin Betschart, Alex Vasilakis, Markus Keller.

Beeindruckende Konstanz

Wer den Appenzeller in Otmar-Diensten über die ganze Saison beobachtet hat, ist beeindruckt von dessen gleichbleibend guten Leistungen. Sie sind gewiss auch die Frucht jenes Ehrgeizes, den Trainer Predrag Borkovic seinem rechten Flügel jüngst attestierte. Hörler erhielt aus der personalbedingten Situation heraus viel Einsatzzeit und wusste diese weidlich zu nutzen, indem er in praktisch jedem Match Tore erzielte. In bester Erinnerung bleibt einer seiner beiden Treffer im vierten Playoff-Halbfinal gegen Pfadi Winterthur, bei dem er Arunas Vaskevicius, seines Zeichens litauischer Nationaltorhüter, rotzfrech in der nahen Ecke erwischte.

Noch kein definitives Aus

Nachdem das erste Spiel im Playoff-Final vom vergangenen Donnerstagabend gegen Kadetten Schaffhausen total missglückt war und in eine geradezu denkwürdige 13:31-Niederlage gemündet hatte, galt es für St. Otmar, den argen Stolperer möglichst schnell abzuhaken und die zweite Begegnung vom letzten Samstag in der St. Galler Kreuzbleichehalle mit Zuversicht anzugehen. Im Modus best-of-five zählt ja nicht das Resultat, sondern einzig und allein, welche Mannschaft zuerst drei Siege ins Trockene bringt. Hörler steuerte in der ersten Halbzeit vier Treffer zur 16:13-Pausenführung bei. Die Otmärler schienen auf gutem Weg, nach Siegen auszugleichen, ehe fünf Sekunden vor der Schlusssirene das Schaffhauser Tor zum 25:26-Endstand fiel. Das definitive Aus bedeutet diese Niederlage noch nicht. Heute kann Ramon Hörler in der Schaffhauser BBC-Arena mithelfen, das Blatt doch noch zu wenden und die Finalserie zu verlängern. Allerdings müsste schon sehr viel zusammenpassen.