Ein Appenzeller…

Ein Appenzeller namens Möhl kam aus dem Hinterkapfenböhl nur selten in die Stadt Sankt Gallen, doch wenn er kam, fand er Gefallen am Kunstmuseum, das sie bot. Für ihn war jedermann ein Schlot, der sich das Haus entgehen liess,

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Hr Eugen Auer Portraet für Gwondrig (Bild: Martina Basista)

Hr Eugen Auer Portraet für Gwondrig (Bild: Martina Basista)

Ein Appenzeller namens Möhl

kam aus dem Hinterkapfenböhl

nur selten in die Stadt Sankt Gallen,

doch wenn er kam, fand er Gefallen

am Kunstmuseum, das sie bot.

Für ihn war jedermann ein Schlot,

der sich das Haus entgehen liess,

was allerdings für Möhl nicht hiess,

dass er die Kunst dann auch verstand,

für ihn lag deshalb auf der Hand:

man muss sich mit der Kunst befassen

und sie sich auch erklären lassen.

Jüngst wurde Jens A. Blumenfeldt

im Kunstmuseum ausgestellt.

Möhl merkte rasch, in allen Sälen

will Blumenfeldt die Menschen quälen.

Aus Monitoren drang ein Stöhnen,

vermengt mit grellen Obertönen.

Man schritt durch ein Gewirr von Seilen,

um ein Geleise anzupeilen,

dem ein Gerüst im Wege stand.

Der Blick fiel dann durch eine Wand

auf rohes Fleisch im nächsten Saal,

zugleich auf einen Marterpfahl

und auf ein Kleinkind im Pyjama.

Hier zeigt man uns das Flüchtlingsdrama,

fand Möhl sogleich und sprach spontan

Herrn Blumenfeldt deswegen an.

Der sagte ihm, dass Möhl sich irre.

Er zeige mit dem Seilgewirre,

dem Pfahl, dem Kind und dem Gekröse,

dass er sich von der Mutter löse.

Möhl bat mit einer zweiten Frage

Herrn Blumenfeldt, dass er ihm sage,

weshalb das Kunst sei, was er mache.

Darauf erstaunt der Mann vom Fache,

mit Nachdruck in der Stimme drin,

weil ich Künstler bin.

Eugen Auer

Eine Auswahl der Glossen von Eugen Auer ist

in Buchform erschienen. «Ein Appenzeller namens…»,

Band 1 bis Band 3 sowie eine CD, sind im Buchhandel

oder unter www.appenzellerverlag.ch erhältlich.