Ein anderes Sehen

Es ist ein dauerndes Loslassen und Abschiednehmen. Das Autofahren und Klavierspielen musste ich aufgeben. Unser Klavier haben wir der Gemeinde geschenkt. Gesichter oder Dinge erkennen, Bücher lesen, Briefe schreiben, dies alles ist für mich unmöglich geworden.

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Pia und Mario Kobler: «Praktisch ohne Augenlicht auszukommen, ist ein dauernder Lernprozess.» (Bild: Martina Basista)

Pia und Mario Kobler: «Praktisch ohne Augenlicht auszukommen, ist ein dauernder Lernprozess.» (Bild: Martina Basista)

Es ist ein dauerndes Loslassen und Abschiednehmen. Das Autofahren und Klavierspielen musste ich aufgeben. Unser Klavier haben wir der Gemeinde geschenkt. Gesichter oder Dinge erkennen, Bücher lesen, Briefe schreiben, dies alles ist für mich unmöglich geworden. Die Leute erkenne ich aufgrund ihrer Stimme. Frei bewegen kann ich mich dort, wo ich mich auskenne. Ansonsten bin ich verloren. Theaterbesuche, Reisen, Bergwanderungen, Konfitüre machen – all dies gehört zur Vergangenheit. Leere ich zum Beispiel etwas Konfitüre neben das Glas, spüre ich zwar die Unordnung, doch kann nichts dagegen machen. Ich leide an Makuladegeneration.

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Makuladegeneration ist eine Augenkrankheit, welche das Zentrum der Netzhaut, die Makula, betrifft. Durch die Degeneration der Makula entstehen starke Sehstörungen. Die Diagnose machte mich unglaublich traurig und ratlos. Total erblinden tue man eigentlich nie, trösteten die Ärzte. Denn Makuladegeneration bedeutet nicht nichts sehen, sondern was man sieht, verschiebt sich, ist unscharf, hat schwarze Flecken, dunkle Punkte, die stetig grösser werden. Geraden sind krumm, Objekte verschoben, Gesichter verschwommen, die Ecken und Ränder der Bilder vor Augen bleiben unkenntlich. Je länger man an der Krankheit leidet, desto weniger sieht man. Alltäglichkeiten werden zur Herausforderung: Mit der Zahnpasta die Zahnbürste treffen oder den Schlüssel ins Schlüsselloch stecken.

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Praktisch ohne Augenlicht auszukommen, ist ein dauernder Lernprozess, eine grosse Herausforderung, der ich mich gestellt habe. Ordnung ist dabei enorm wichtig. Alles muss an seinem Platz sein, damit ich mich zurechtfinde. In den eigenen vier Wänden ist das problemlos möglich. Ich koche, wasche und bügle, bediene Herd, Backofen und Radio. Organisation, Gedächtnis, Gehör und Fingerspitzengefühl ersetzen die Augen. Um Bücher, Zeitungen oder Briefe zu lesen, habe ich ein Gerät, das den Text einscannt und vorliest. Eine grosse Hilfe ist ein kleiner, wenige Zentimeter grosser Computer, der gleichzeitig Agenda, Einkaufszettel, Wecker, Kochbuch, Hörbuchbibliothek und Telefonbuch ist. Auf Knopfdruck spricht er mir Telefonnummern, Einkaufslisten, Rezepte oder die Uhrzeit vor. Solche Hilfsmittel machen es möglich, selbständig und mobil zu bleiben. Ich bekoche meine Familie, gehe einkaufen, bin mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs, treffe mich mit Leuten oder gehe jassen. Die einzelnen Symbole auf den Jasskarten sehe ich nicht mehr. Ich habe aber ein Gespür für das Gesamtbild der Karte entwickelt und kann mich so orientieren. Gegen den Blindenstock wehre ich mich. Denn ich bin ja nicht blind.

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Ich leide seit 12 Jahren an Makuladegeneration. Mein Mann Mario hat vor vier Jahren die gleiche Diagnose erhalten. Laut den Ärzten ist es sehr selten, dass ein Ehepaar an dieser gleichen Augenkrankheit leidet, denn wir sind ja nicht genetisch verwandt miteinander. In unseren beiden Familien hat nach unserem Wissen niemand an Makuladegeneration gelitten. Früher hat man einfach nicht gut gesehen. Detaillierte Diagnosen wurden nicht gestellt.

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Der Stammbaum der Familie meines Mannes ist im Landesarchiv in Appenzell aufbewahrt. Seine Mutter war eine Broger, ein altes Innerrhoder Geschlecht. Mein Mann kann sich erinnern, wie er früher beim Wirt der «Krone» in Brülisau in den Ferien war. Bis heute sind wir dem Appenzellerland verbunden geblieben, besuchen Leute in Appenzell und Gonten. Grosse Reisen und Ausflüge sind schwierig geworden. In einem Hotel, das wir nicht kennen, würden wir ja nicht einmal das Zimmer finden, weil wir die Zimmernummer nicht sehen. Gerne würden wir auf den Säntis. Doch die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist umständlich, und schlussendlich würden wir die schöne Aussicht nicht mehr sehen – höchstens vorstellen könnten wir sie uns.

Pia und Mario Kobler,

82 und 87 Jahre, Tübach

Notiert: Christa Wüthrich

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