Eher Hebamme als Missionar

Am nächsten Sonntag feiert Johannes Stäubli mit einem Festgottesdienst Jubiläum: Der 59-Jährige ist seit 20 Jahren Pfarrer in Waldstatt. Im Oktober tritt er einen dreimonatigen Urlaub an, der ihn zu seinen Wurzeln zurückführt.

Patrik Kobler
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waldstatt. Demnächst tritt Johannes Stäubli seinen Urlaub an und fährt zurück nach Ghana, wo sein Vater Missionar war und er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Es war nur eine von vielen Stationen im Leben des 59-Jährigen. Der gebürtige Ostschweizer war bereits an vielen Orten zu Hause: Im Domleschg ebenso wie in Zürich. Mittlerweile ist er im Appenzellerland sesshaft geworden; er wohnt in Schwellbrunn und arbeitet in Waldstatt.

Startschwierigkeiten

Seit 20 Jahren ist er Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde – und dies obwohl er einen schlechten Start erwischt hat in Waldstatt. Anfang der 1990er-Jahre tobte in der Gemeinde der sogenannte «Fischli-Krieg», und Stäubli drohte sich zwischen den Fronten aufzureiben. Bald einmal überlegte er sich, in die Werbebranche zu wechseln. Vorab finanzielle Gründe bewogen ihn zum Bleiben, gesteht er freimütig. Das sei zwar traurig, aber wahr.

Heute bereut er nicht, durchgehalten zu haben. Er fühlt sich wohl in Waldstatt und möchte hier bis zu seiner Pensionierung tätig bleiben. Die Kirche ist zwar selten gut gefüllt, aber Stäubli hadert nicht damit. Er stelle eine wohlwollende Distanz der Leute zur Kirche fest, sagt er. «Sie sind wählerisch und besuchen den Gottesdienst nur, wenn sie das Bedürfnis dazu haben.» Zudem wende man sich mit Problemen nicht mehr an den Pfarrer, sondern an Kollegen oder Beratungsstellen.

Denkanstösse geben

Im Gegensatz zu seinem Vater möchte er nicht missionieren. Er wolle nicht den Leuten auf der Seele knien, sagt er. Vielmehr sieht er sich als Hebamme, die den Leuten hilft, ihren eigenen Glauben zu finden und zu leben. Für ihn steht ausser Frage, dass der Glauben eine gute Sache ist und die Bibel für die Lebensbewältigung viel bietet. Er sieht aber davon ab, den Leuten vorzuschreiben, was sie zu tun und lassen haben.

Denn er betrachtet die Gemeindemitglieder als mündige Bürger, die sich Gedanken darüber machen, was gut ist für sie und was nicht. Lieber vermittelt er Denkanstösse, etwa im Religionsunterricht.

Er unterrichtet an der Oberstufe und bereitet die Jugendlichen auf die Konfirmation vor, die noch immer eine wichtige Rolle spiele und ein wichtiges Übergangsritual ins Erwachsensein sei, sagt Stäubli. Im Leben eines Teenagers stehen aber andere Themen im Vordergrund als Religion.

Eine Herausforderung für Stäubli: Er versucht, seinen Schülern die Bibel so zu vermitteln, dass sie einen Bezug zu sich selber herstellen können. So brachten die Schüler das Gleichnis des barmherzigen Samariters beispielsweise mit Ausschreitungen an einem FC-St. Gallen-Spiel in Verbindung.

Freude an Schauspielerei

Im lärmigen Fussballstadion ist Johannes Stäubli wohl weniger anzutreffen; er bevorzugt Ruhe und Frieden, auch wenn er kürzlich für einige Tage im Berliner Grossstadtdschungel war.

So schön es gewesen sei, nach zehn Tagen habe er sich ausgepowert gefühlt, sagt er, und ist gerne ins beschauliche Appenzellerland zurückgekehrt. «Das Leben auf dem Land hat eine hohe Qualität.» Hier könne er nach Herzenslust Walken und Joggen gehen. Weitere Hobbies sind Lesen, Fotografieren und Theaterspielen. Schon dreimal hat er bei der Chorgemeinschaft mitgespielt. Das gefällt ihm, vor allem das Proben.

Während seines dreimonatigen Urlaubs möchte er zudem ein Buch mit Geschichten schreiben sowie im Archiv der Basler Mission Zeugnisse über das Wirken seines Vaters aufstöbern.

Festgottesdienst am Sonntag

Zuvor wird am nächsten Sonntag in der reformierten Kirche sein Jubiläum mit einem Festgottesdienst gefeiert. Beginn ist um 9.40 Uhr. Im Anschluss offeriert er der Bevölkerung als Dankeschön einen Apéro. Ursprünglich plante Johannes Stäubli keine grosse Sache.

Doch Kirchenratspräsidentin Andrea Langenegger-Roth insistierte auf einer würdigen Feier. Und so beteiligen sich nun unter anderen auch die Musikgesellschaft oder der Kirchenratspräsident der Landeskirche beider Appenzell, Kurt Kägi. So viel Aufmerksamkeit ehrt den Jubilaren. Er bittet aber, auf Lobhudeleien zu verzichten.

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