EBNAT-KAPPEL: Vom Leidensweg einer Kämpferin

Abfahrts-Olympiasiegerin Dominique Gisin weilte am Donnerstag auf Einladung der Clientis Bank Thur im Ackerhus in Ebnat-Kappel. Es war ein Abend voller Emotionen.

Beat Lanzendorfer
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Dominique Gisin mit ihrem Mentalcoach Christian Marcolli, der sie in ihrer sportlichen Karriere begleitet hat. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Dominique Gisin mit ihrem Mentalcoach Christian Marcolli, der sie in ihrer sportlichen Karriere begleitet hat. (Bild: Beat Lanzendorfer)

EBNAT-KAPPEL. Kann etwas schiefgehen, wenn ein Referat mit Gänsehaut, versteckten Tränen und Applaus beginnt? Kaum! Auslöser dieser Reaktionen war eine eingespielte Sequenz der Triumphfahrt von Dominique Gisin an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi. Es folgten 90 Minuten, in denen die 31-Jährige ihren Werdegang von der Juniorin zur Weltcupfahrerin aufzeigte. Mitgebracht hatte sie ihren Mentalcoach Christian Marcolli, dem sie erstmals als Teenager ihr Herz ausschütten durfte. Sie zählt auch zu jenen Menschen, die froh über das Ende des Sommers sind. Sie liebt nichts mehr als Winter und Kälte.

Der Beginn einer langen Leidensgeschichte

Es ist nicht so, dass der Erfolg Dominique Gisin in die Wiege gelegt worden ist. Mit eineinhalb Jahren erstmals auf den Ski, war der Grossvater ihr grösster Fan und Förderer. «Dominique, richtig gut Skifahren lernt man nur im Nebel. Komm, lass uns raus auf die Pisten gehen, heute ist es besonders neblig», war häufig aus seinem Munde zu hören. Prägend war auch der Sieg 1996 beim Ovo Grand Prix. «Nun hatte ich erstmals das Gefühl, dass ich es schaffen kann, denn ich wurde auf dem Siegerbild von Michael von Grünigen und Vreni Schneider flankiert.» Der Triumph damals war gar nicht so selbstverständlich, denn die Konkurrenz bei den Jahrgängen 1985/86 war gross. Vier Fahrerinnen haben es später in den Weltcup geschafft, darunter Fabienne Suter und die Toggenburgerin Marianne Abderhalden. Vier Jahre danach durfte die knapp 15-Jährige mit dem Flugzeug an ein Rennen nach Sarajevo. Sie tauchte ein in den Skizirkus, den sie später mit den vielen Reisen lieben und schätzen lernte. Zwei Wochen nach diesem Erlebnis begann eine Leidensgeschichte, welche die Engelbergerin über einen langen Zeitraum ihrer Karriere immer wieder begleiten sollte: Kreuzbandriss im rechten Knie. Kaum ausgeheilt folgte im Frühjahr 2001 ein Ermüdungsbruch der rechten Kniescheibe. Zwischen September 2002 und Dezember 2005 nahm die Krankenakte besorgniserregende Ausmasse an: Knie zerschmettert, Kniescheibe gebrochen, Innenbandabriss, Adduktorenriss. Andere in ihrem Alter hätten das Handtuch geworfen und sich anderen Dingen zugewandt. Nicht so Dominique Gisin. Mit unglaublichem Willen kämpfte sie sich zurück in den Skizirkus. Schlüsselerlebnis war der zweite Platz in der Abfahrt 2005 beim Fis Race in Cortina, obwohl sie mit einer Startnummer weit über Hundert ins Rennen gehen musste. Der definitive Durchbruch im Weltcup gelang Dominique Gisin erst, als sie die Zusammenarbeit mit Mentalcoach Christian Marcolli intensivierte. Er stellte bei einer Rennwoche in St. Moritz fest, dass die Rennfahrerin Gisin zu viel Energie auf Nebenschauplätzen verpuffte. «Ich bezeichnete Dominique als Mutter Teresa, die es allen recht machen wollte. Statt sich Energie zu holen, hat sie allen etwas davon abgegeben.»

Der Abfahrtstriumph in Sotschi 2014

Als Dominique Gisin im Januar 2007 in Altenmarkt erstmals auf einem Weltcup-Podest stand, war das Glück von kurzer Dauer. Ende Februar 2007 erlitt sie einen Kreuz- und Innenbandriss am bisher von Verletzungen verschonten linken Knie. Sie kämpfte sich ein weiteres Mal zurück und steckte die Rückschläge auch in den Folgejahren weg. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Olympiasieg auf der Abfahrtsstrecke 2014 in Sotschi. Ein Jahr später gab sie mit 30 den Rücktritt vom Rennsport. Während des Abends kam zum Ausdruck, welche Menschen Dominique Gisin auf ihrem sportlichen Weg begleitet haben. Nebst Grosseltern, Eltern und Geschwister, die beide auch im Weltcup fahren, und Mentalcoach ist dies der Arzt Bernhard Segesser. «Er hat, als ich fünfzehn war, mein kaputtes Knie zum ersten Mal gesehen und mir zu verstehen gegeben, dass ich es trotzdem schaffen kann. Auch im weiteren Verlauf meiner Karriere konnte ich mich immer wieder auf ihn verlassen.»

Vom Vortrag angetan war auch Bankleiter Jakob Frischknecht: «Der Abend hat begeistert. Dominique Gisin hat ein offenes und sympathisches Auftreten, mit ihren Ausführungen hat sie Emotionen erzeugt – beim Publikum und auch bei mir.» Die Sportlerin nahm sich im Anschluss Zeit, Fragen zu beantworten, und schrieb auch bereitwillig Autogramme.