EBNAT-KAPPEL: Durch den Dschungel getrieben

Im Ackerhus berichtete ein Ehepaar aus Ruanda über seine langjährige Flucht quer durch den kongolesischen Regenwald. Ein eindrücklicher, aber auch ermutigender Fall, der für viele ähnliche steht.

Peter Küpfer
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Désiré Nsanzineza, Johanna Krapf, Joséphine Niyikiza (von links).

Désiré Nsanzineza, Johanna Krapf, Joséphine Niyikiza (von links).

Peter Küpfer

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Organisiert von der Ökumenischen Erwachsenenbildung Ebnat-Kappel fand im Ackerhus eine Lesung mit Gespräch statt, die auf grosses Interesse stiess. Schriftstellerin Johanna Krapf las Auszüge aus ihrem Buch «Auf der Flucht getrennt». Es ist vor einem Jahr im Chronos-Verlag erschienen und entstand in langen Gesprächen der Autorin mit den beiden Hauptpersonen, einem Ehepaar aus Ruanda: Joséphine Niyikiza und Désiré Nsanzineza. Sie beteiligten sich an der Lesung, indem sie Fragen der Vortragenden, aber auch aus dem Publikum beantworteten. Ihre Leidensgeschichte ist aufrüttelnd, aber für Zehntausende von damals den Massakern entfliehenden Ruandern beispielhaft.

Bei deren Ausbruch im April 1994 wurde Joséphine mitten in der Nacht von Schreien und Tumult auf der Strasse geweckt. In grosser Hast floh die damals 14-Jährige aus ihrem Elternhaus und schlug sich, dem Strom der Tausende von Flüchtlingen folgend, bis nach Bukavu durch, der kongolesischen Grenzstadt am Kivusee. Dort wurde sie in einem Flüchtlingslager interniert, in dem sie dann auch ihrem zukünftigen Ehemann Désiré begegnete. Auch Désiré hatte sich wie durch ein Wunder von den Verfolgungen retten können. Als die Lager später von Milizen aus Ruanda angegriffen wurden, flohen sie gemeinsam, der allgemeinen Richtung der Fliehenden folgend: durch den Tropenwald nach Nordwesten, in Richtung Kongo-Brazzaville, an die tausend Kilometer (Luftlinie) durch gebirgigen, dann sumpfigen Dschungel.

Man muss das hören und lesen

Die Strapazen, denen die Flüchtlinge, viele von ihren barfuss und nur mit ihrem Hemd auf dem Leibe, bei ihrer endlosen Durchquerung des kongolesischen Urwaldes ausgesetzt waren, sind kaum vorstellbar. Sie waren Tieren und den mörderischen klimatischen Verhältnissen schutzlos preisgegeben. Dazu kam die Gewissheit: Hinter ihnen her drangen fanatisierte Verfolger unaufhaltsam vor. Schliesslich gelangten sie nach Kongo-Brazzaville, wo sie sich nach weiteren dramatischen Ereignissen in der kleinen Stadt Ouesso niederliessen. Hier bauten sie sich ein kleines Geschäft auf, heirateten und hatten zwei Kinder, Patrick und Joyeux.

Aber ihre Odyssee war noch lange nicht zu Ende. Man kann die Schläge, von denen sie heimgesucht wurden, nicht schildern, man muss das hören und lesen. Die weiteren Fluchtbewegungen, gesteuert durch Zufälle und Attacken auf Leib und Leben, liessen sie noch lange nicht zur Ruhe kommen. Zuerst wurde bei einem Angriff auf ihr Haus Joséphine mit dem inzwischen geborenen dritten Sohn Espoir von ihrem Mann und den beiden älteren Söhnen getrennt, später Désiré, als Chauffeur auf einer Fahrt nach Norden durch eine längere Erkrankung festgehalten, von ihnen. Man kann sich kaum ein realistisches Bild von den seelischen Qualen machen, welche alle Familienmitglieder während langer Jahre zusätzlich ausgesetzt waren.

Joséphine schilderte auf entsprechende Fragen der Autorin in bewegenden Worten, welche Schwierigkeiten sich ihr stellten, um sich in der Schweiz zu integrieren. Aber es gab auch Beglückendes: Die Hilfsbereitschaft von Institutionen und Mitmenschen. Mit Hilfe des Roten Kreuzes erfuhr die geplagte Mutter nicht nur, dass Ehemann und Kinder lebten. Die Familie konnte auch wieder zusammengeführt werden. Beide Elternteile sind berufstätig und kommen so ohne Sozialhilfe aus. Der ältere Sohn schliesst eine Berufslehre ab, der jüngere arbeitet in einer Werkstatt, während der Jüngste die Normalschule besucht.

Beide bringen zum Ausdruck, wie wichtig es war, die Integration in die Schweiz nicht nur passiv über sich ergehen zu lassen, sondern aktiv zu betreiben. Der Schlüssel war für sie vor allem anderen das solide Erlernen der Sprache ihres Gastlandes. An die eindrückliche Lesung schlossen sich beim Genuss afrikanischer Speisen angeregte Gespräche am Tisch an, mit den Akteuren, aber auch unter dem Publikum.

Johanna Krapf: Auf der Flucht getrennt. Die Odyssee einer ruandischen Familie; Chronos-Verlag.