«Du fragst mich, was soll ich tun?»

UNTERWASSER. Anna Ammann aus Unterwasser ist gelernte Bäuerin. Vor 20 Jahren hat sie die Herausforderung, Wirtin im Kulturhotel Seegüetli zu werden, angenommen. Sie hat diese Arbeit mit Leib und Seele ausgeführt. Der Ostermontag ist ihr letzter Arbeitstag.

Christiana Sutter
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Für Seegüetli-Wirtin Anna Ammann beginnt nach Ostern ein neuer Lebensabschnitt. Sie freut sich, ihre Ideen umzusetzen. (Bild: Christiana Sutter)

Für Seegüetli-Wirtin Anna Ammann beginnt nach Ostern ein neuer Lebensabschnitt. Sie freut sich, ihre Ideen umzusetzen. (Bild: Christiana Sutter)

Das Kulturhotel Seegüetli am Schwendisee bewirtet so manch einen Musik-, Klang- und Naturliebhaber. Für den familiären und freundschaftlichen Betrieb war die letzten 20 Jahre die Familie Ammann aus Unterwasser verantwortlich – im Besonderen Anna Ammann. Die quirlige und dynamische Mutter von vier erwachsenen Kindern hat ihr Herzblut in den Betrieb gesteckt. «Ich war während 20 Jahren mit Leib und Seele Wirtin», sagt sie. Jetzt sei aber Schluss, es komme eine andere Zeit und diese beginnt nach Ostern.

Angefangen hat dieses Engagement 1993 mit einem Inserat in der Zeitung. Damals gehörte das Seegüetli noch dem «Verein Naturfreunde» aus Winterthur, die 1935 ein Blockhaus bauten. 1974 wurde es zum heutigen Gebäude erweitert. Wegen Misswirtschaft musste es 1993 verkauft werden. Anna und Hansruedi Ammann, Heini Baumgartner und Peter Roth, der die Idee für Klangkurse hatte, entschlossen sich, dieses Gebäude zu erwerben. «Es gab noch andere Interessenten, aber wir haben den Zuschlag schliesslich bekommen», sagt Anna Ammann nicht ohne Stolz. Ihre Augen leuchten beim Erzählen und man sieht ihr an, dass ein Film in ihren Gedanken abläuft. «Wir hatten schon unsere Anfangsschwierigkeiten. Es war ein finanzieller <Hosälupf>.»

Bescheidenheit und neue Ideen

Im April 1994 haben die Besitzer eine Genossenschaft gegründet, damit sie weiter flüssige Mittel zur Verfügung hatten. Die Genossenschafter seien mehrheitlich aus dem Freundeskreis von Peter Roth gekommen. Natürlich hatte es auch Einheimische, die sich von Anfang an für die Weiterentwicklung der Ideen von Peter Roth interessierten. Jedes Jahr organisierte Anna Ammann ein Genossenschaftswochenende. Es wurde renoviert und repariert. Sie lacht: «Aber am Abend haben wir alle zusammen gesessen, fein gegessen und natürlich musiziert.» Einmal haben sie Bademäntel für die Gäste des Hotels genäht und am Abend in einer Modenschau vorgetragen. Die Idee und die Philosophie des Kulturhotels Seegüetli war von Anfang an der musikalische Austausch mit anderen Kulturen, durch die Organisation von Kursen. «Wir haben alles selber gemacht. Peter Roth, die Ausschreibungen und ich die Administration.» Wenn sie am Anfang Unterstützung benötigten, halfen ihnen der Verkehrsverein Unterwasser oder die Nachbarn in der Schwendi. «Die waren da, wenn wir sie brauchten.» Anna Ammann hat sich in dieser Zeit vieles selber angeeignet. Für sie war klar, dass, wer bescheiden aufwachse und es zu etwas bringen möchte, immer neue Ideen entwickeln müsse. 1994 organisierten Peter Roth und das Seegüetli-Team die ersten Klangkurse. Schon damals konnten sie die Sängerin Lisa Sokolov aus New York für ihre Kurse verpflichten, die auch heute noch Kurse in der Klangwelt Toggenburg gibt. Ein wichtiger Bestandteil dieser Kurse seien die Singwochenende gewesen. «Und dann die <Musig-Stobete> und die Sonntagnachmittage am Stammtisch mit Einheimischen. Die werde ich vermissen.» Denn Anna Ammann singt selber sehr gerne. Sie ist im evangelischen Kirchenchor Alt St. Johann, den ihre Tochter Doris leitet. In all den Jahren als Wirtin habe sie viele Menschen aus verschiedenen Ländern kennen gelernt. «Ich hatte daher nie das Bedürfnis zu reisen. Diese Menschen kommen alle zu uns ins Seegüetli.» Natürlich kommen die Gäste nicht nur wegen des Gesangs. Oft haben sie auch Seminare und Familien beherbergt, die im Winter Skiferien an einem familienfreundlichen und einfachen Ort suchen.

Lebe wild und gefährlich

Geholfen hat Anna Ammann in all diesen Jahren auch die Familie. «Von 2006 bis 2009 war meine Tochter Doris mit im Betrieb. Für mich war das die schönste Zeit», sagt die Mutter. Ihre Tochter brachte neuen Schwung und Ideen in den Betrieb. «Es scheint sowieso, dass der Platz am Schwendisee inspirierend wirkt.» Seit 2003 werden die Klang- und Musikkurse unter dem Namen Klangwelt Toggenburg angeboten – und auch der Klangweg feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. «Der Kopf dieser Ideen ist Peter Roth. Auch das Klangfestival Naturstimmen, die Klangschmiede und das anstehende Projekt des Klanghauses, haben hier im Seegüetli ihren Ursprung», sagt Anna Ammann. Sie kommt ins Sinnieren und ihre Gedanken schweifen in die Zukunft. Sie ist überzeugt, dass das Toggenburg diesen Schub von Ideen und Belebung braucht. «Die Chance, das Klanghaus zu verwirklichen, muss genutzt werden. Das Geld liegt bereit.» Die Angst, es entstehe eine Konkurrenz zu bestehenden Betrieben, kann sie nicht teilen. «Es ist ein Mehrwert für alle.» Nur einen Moment ist es still, bevor die positive «Noch-Wirtin» bereits wieder lacht. Wenn man Anna Amman fragt, was sie nach den 20 Jahren Seegüetli macht, zitiert sie einen Spruch von Arthur Schnitzler: «Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefährlich.»

Klanghaus am schönsten Ort

Diesen Sommer, von Ende Juni bis Mitte August, geht sie mit ihrem Mann Hansruedi auf die Alp Selun. Und dann, endlich, habe sie Zeit für die Familie und ihre Enkelkinder. Anna Ammann freut sich auch, dass sie sich vermehrt ihrem Garten und Hobbies wie Lesen und Wandern widmen kann. «Ich erfülle mir auch einen Wunsch. In der Landwirtschaftlichen Schule in Salez besuche ich einen Kräuter-Kurs.» Sie möchte die einheimische Pflanzenwelt und deren Nutzung besser kennen lernen. Ein Traum von ihr ist es, mit einem Wohnwagen durch die Schweiz zu fahren, und überall Kräuter zu suchen. «Ich liebe die Natur und was sie hergibt.» Daher sei der Schwendisee einer der schönsten Orte, den sie kenne. Sie kommt ins Schwärmen: «Am Feierabend im Schwendisee schwimmen, vor dir der Säntis und der Schafberg und die Sonne geht unter – was gibt es Schöneres....» Und das i-Tüpfchen, wie sie sagt, sei das Klanghaus. «Das gehört an den schönsten Ort.»

Noch ist es aber nicht soweit mit all ihren Träumen und Vorhaben. Bis am Ostermontag trifft man Anna Ammann noch im Kulturhotel Seegüetli an. Danach übergibt sie die Leitung an Anderea Abderhalden aus Stein. Sie ist die neue Mieterin des Anwesens. «2010 kaufte uns der Kanton die Liegenschaft ab», sagt Anna Ammann, die anschliessend Pächterin war. In der Folge wurde auch die Genossenschaft aufgelöst. Die zukünftige Älplerin seufzt, lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und schliesst die Augen. Ob sie schon auf der Alp ist oder vom Klanghaus träumt? Man weiss es nicht.

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