«Dschihad der Liebe»

Sonntagsgedanken

Hans Jörg Fehle
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Ein Freund von uns hat einen Vater mit seinen Buben zu sich eingeladen. Weil unser Freund das vorgesehene Zimmer aber plötzlich für ein Familienmitglied brauchte, hat er meine Frau und mich gefragt, ob wir die drei für ein paar Ferientage aufnehmen könnten. So ist Mohamed el-Bachiri mit Ayman und Shahin zu uns gekommen. Ein kurzfristiger «Grosseltern»-Einsatz mit unerwarteten Themen.

Sich der Liebe zu verschreiben

Denn es stellt sich heraus: Mohamed el-Bachiri ist Belgier mit familiären Wurzeln in Marokko. Er war Metrofahrer in Brüssel, bis er vor einem Jahr, am 22. März 2016 seine Frau Loubna verloren hat – bei einem islamistischen Attentat in der U-Bahn-Station Maelbeek in Brüssel. Seither ist die Metro für ihn mitgestorben. Aber er will sich nicht dem Hass überlassen.

Der Witwer und nun alleinerziehende Vater von drei Buben zwischen drei und zehn Jahren kann nicht anders, als sich der Liebe zu verschreiben. Was er mit seiner Frau an Liebe erlebt hat, will er in die Welt tragen – auch als Beispiel für seine Kinder. Deshalb ruft er die Muslime und alle Menschen guten Willens zu einem «Dschihad der Liebe» auf. Dschihad heisst nicht, jedenfalls nicht nur «heiliger Krieg», sondern vor allem «Hingabe». – Am Anfang der Fasten-und Passionszeit hat unser Gast uns daran erinnert, worum es in den sechseinhalb Wochen bis Ostern für Christinnen und Christen eigentlich geht: sich einzuüben in die Nachfolge Jesu; sich zu bereiten für ein Leben der Hingabe. Mit dem eigenen Leben als Person und als Gemeinde zu bezeugen, dass wir an den lebendigen Gott als Liebe glauben. Dass wir aus der Barmherzigkeit Gottes leben.

«Re-formation» bis heute unvollendet

Da fällt mir im grossen Gedenkjahr 2017 – 600 Jahre Bruder Klaus und 500 Jahre Reformation – auf, dass Christen mit Gewalt und Krieg eine problematische Geschichte haben. Auch Niklaus von Flüe ist bis in seine Lebensmitte in den Krieg gezogen und hat eine Gruppe Soldaten geführt. Huldrych Zwingli war als Feldprediger der Glarner Truppen bei den Oberitalien-Feldzügen – und so 1515 auch bei der Schlacht von Marignano dabei. Und er kommt schliesslich auf dem Schlachtfeld zu Tode.

Nun liegen die Zeiten der Kreuzzüge und der christlich motivierten Glaubenskriege, Gott sei Dank, zurück. Aber ist das Friedenszeugnis der Quäker und der Mennoniten angemessen aufgenommen. Und ist die Gewaltgeschichte des Christentums wirklich aufgearbeitet: wenn noch in den Balkankriegen Waffen und Truppen gesegnet wurden. Wenn Präsident Bush ausdrücklich nicht nur von einem Krieg, sondern von einem «Kreuzzug gegen den Terror» sprach. Im Blick auf die Gewalt ist die «Re-formation», die «Wieder-Formung» des christlichen Glaubens gemäss seinem Urbild Jesus von Nazareth bis heute unvollendet.

Hans Jörg Fehle

Die Ansichten von Mohamed el-Bachiri kann man auf Youtube ansehen – auf französisch oder mit flämischen Untertiteln.