Sportforum Appenzellerland zum Thema Doping: Druck und Abhängigkeit als «Gift»

Das Bier wegstellen, über Kontrollen froh sein: Das Sportforum Appenzellerland thematisierte das Doping. Gäste aus dem Spitzensport stellten sich den Fragen rund um die leistungssteigernden Substanzen.

Lukas Pfiffner
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Sportforum Appenzellerland in Coronazeit: Publikum und Gesprächsteilnehmer sitzen mit Abstand.

Sportforum Appenzellerland in Coronazeit: Publikum und Gesprächsteilnehmer sitzen mit Abstand.

Bild: Erich Brassel

«Ich bin stolz auf jene, die es mit Willen und Arbeit weit schaffen. Es mag mich, wenn jemand mit grossartigen Leistungen unter Generalverdacht gerät: Kontrollen sind ein Schutz für unsere Athleten», sagte Ausserrhodens Landammann Alfred Stricker am Freitag.

Das Sportforum Appenzellerland im Casino Herisau verlief sehr interessant. Während zweieinhalb Stunden beantworteten hochkarätige Gäste Fragen der Moderatorin Martina Brassel zum Thema Doping. Die Sportabteilungen beider Halbkantone sowie die IG Sport Herisau hatten eingeladen.

Eher als Witz gedacht

«Manchmal höre ich: Verrate uns, was du nimmst! Aber das ist ein Witz und eher ein Lob als eine Anklage», erzählte Zehnkämpfer Simon Ehammer. «Auf höherer Kaderstufe werde ich nun mit dem Thema konfrontiert. Wir müssen Dokumente unterschreiben, dass wir die Informationen erhalten haben», sagte seine Vereinskollegin vom TV Teufen, Kugelstösserin Miryam Mazenauer. «Wenn mir jemand im Ausgang ein Bier brachte, stellte ich es weg und holte mir selber eines. Ich versah meine Tasche jeweils mit einem Schloss», berichtete Bob-Olympiasieger Beat Hefti. «Schweizer Athleten sind froh, wenn sie getestet werden und es schwarz auf weiss steht, dass sie sauber sind», meinte Patrik Noack, Chefmediziner von Swiss Olympic. «Unsere Arbeit hat eine ­Detektivkomponente», sagte Ernst König, Direktor der Stiftung Antidoping Schweiz.

Dreist und zeitlich abgestimmt

«Wir werden vor allem durch Kontrollen wahrgenommen.» Er erzählte auch von der Beschlagnahmung von Paketen am Zoll, der Prävention, ATZ-Attesten (Ausnahmebewilligungen zu therapeutischen Zwecken). Und von den Folgen der Pandemie: Antidoping Schweiz führte im ersten Halbjahr 2020 die Hälfte der Kontrollen des gleichen Zeitraums vom Vorjahr durch. Weltweit erfolgten im April 2020 nur 2,2 Prozent der Kontrollen von April 2019. Trotzdem wollte König die Weltrekorde des Sommers nicht einfach auf Doping zurückführen. «Da können andere Faktoren eine Rolle spielen.» Er zeigte die Dreistigkeit von Dopern bei der «Operation Aderlass» auf, ging am Beispiel eines afrikanischen Läufers auf Auffälligkeiten in den Blutwerten ein – in zeitlicher Abstimmung mit Wettkämpfen. Wichtig sei, nicht einfach mehr Kontrollen durchzuführen, sondern die Qualität der Antidopingarbeit zu erhöhen:

«Tests im richtigen Zeitpunkt, noch minutiösere Analysen.»

Unterstützen und fördern

Verdächtig sei, wenn einer plötzlich bei einem Wettkampf eine herausragende Leistung bringe, meinte Hefti. Antidoping Schweiz arbeite super; aber leider würden nicht alle Länder gleich mitmachen. Manche Sportler setzen das Doping sogar fort, nachdem sie erwischt worden sind. «Sie leben als gespaltene Persönlichkeiten», sagte König. Mehrmals wurde der Druck als Grund für Dopingvergehen genannt. In manchen Ländern sei der meist grösser als in der Schweiz, weil nicht auf andere Weise eine Existenz aufgebaut werden könne. Von einer «Flucht aus dem Elend» sprach Patrik Noack. Alfred Stricker, Vorsteher des Departementes Bildung und Kultur, sagte:

«Der Druck zum Geldverdienen und die Abhängigkeit von Erfolg sind Gift.»

Man müsse den Sportlern den Rücken freihalten, sie fördern. Aufgabe der Politik sei es, die Institutionen zu unterstützen, ideell und finanziell hinter den Projekten zu stehen. «Und es ist wichtig, dass die Gesellschaft jemanden nicht hängenlässt, auch wenn er neben dem Podest landet.»

Per Video zugeschaltet war der Berner Handballer Simon Getzmann: Er berichtete vom abenteuerlichen Kampf bei der Suche nach den Gründen für einen positiven Dopingbefund vor bald sechs Jahren. «Ich ging immer mit erhobenem Kopf in Kontrollen und wusste, dass ich nichts falsch gemacht hatte.» In der einzigen Tablette, die von einer Packung Schmerzmittel übrig geblieben war, wurde schliesslich eine verbotene Substanz gefunden, die nicht deklariert gewesen war. Er sei froh um Anlässe wie an diesem Abend und riet den beiden Ausserrhoder Leichtathleten: «Informiert und schult euch, seid wachsam und hinterfragt Sachen!»