Drei Wünsche

Es war an einem kalten Wintertag. Der Schnee lag tief und ich stand mitten im Wald. Die Tannen glitzerten im Rauhreif. Plötzlich spürte ich einen Luftzug, hörte ein leises Klingen.

Esther Ferrari
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Bild: Esther Ferrari

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Es war an einem kalten Wintertag. Der Schnee lag tief und ich stand mitten im Wald. Die Tannen glitzerten im Rauhreif. Plötzlich spürte ich einen Luftzug, hörte ein leises Klingen. Vor mir stand eine kleine Fee in einem weiss-lila Kleidchen und einem grünen Umhang. Sie erinnerte mich an den Waldsauerklee, der vom Frühling bis zum Herbst auf dem Waldboden wächst, den wir als Kinder gegessen haben und seit Generationen «Guggerchlee» nennen. Er schmeckt säuerlich, soll fiebersenkend wirken, harntreibend und blutreinigend. Ich traute meinen Ohren nicht, als mir die kleine Blumenfee zuflüsterte: «Ich gewähre dir drei Wünsche, aber du musst sie alle drei innert 20 Sekunden aussprechen. Achtung, fertig, los!» Sie bewegte ihre Lippen, als ob sie zählen würde. «Ich wünsche mir», stotterte ich, «dass diese blöde Schnüerlischrift abgeschafft wird. Generationen von Kindern wurden damit geplagt. Ich gehörte auch zu ihnen, und einer meiner Enkel beisst sich die Zähne an ihr aus. Meiner Lebtag musste ich hören, mein Schriftbild sehe aus, als ob Hühner darüber gelaufen seien. Weiter wünsche ich mir, den Computer sowie alle elektronischen Geräte zu beherrschen. Ich möchte wie die heutige Generation Musik herunterladen, an Quiz-Duellen teilnehmen und mitreden können in Sachen neuen Medien. Drittens wünsche ich mir, dass ich nie alt werde.» «Stopp, du hast die Zeit überschritten, den letzten Wunsch kann ich dir leider nicht erfüllen», lächelte die Fee und verschwand. Nur ein aromatischer Tannenduft war zurückgeblieben. Er kam vom Tannenschössli-Tee, den ich mir gegen meine Erkältung gebraut hatte. Ich lag auf dem Kanapee, neben mir eine Zeitung mit einem Artikel über die Schnüerlischrift, in der Hand mein neues iPad, mit dem ich immer noch auf Kriegsfuss stehe, weil ich die Funktionen nur schwer begreife. Vor meinem Fenster lag tiefer Schnee.