Drastische Folgen für Gastgewerbe im Appenzellerland: Viele schliessen Kurzarbeit nicht aus

Die Corona-Krise trifft die Gastronomie hart. Wirte beweisen Flexibilität und hoffen auf Solidarität.

Mea McGhee
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Patrick Eugster und Chläus Dörig, die Gastgeber in der «Waldegg» Teufen, müssen dieser Tage besonders flexibel sein.

Patrick Eugster und Chläus Dörig, die Gastgeber in der «Waldegg» Teufen, müssen dieser Tage besonders flexibel sein.

Bild: Mea McGhee

«Ich bitte um Geduld, momentan dürfen wir keine neuen Gäste einlassen», sagt Juniorchef Patrick Eugster, als eine Frau am Samstagnachmittag das Restaurant Waldegg in Teufen betritt. «Gäste abweisen zu müssen, geht gegen das Naturell des Gastgebers.» Natürlich halte man sich aber strikte an die Weisungen. Am Freitag hat der Bundesrat die Zahl der erlaubten Gäste in Gastronomiebetrieben auf 50 Personen beschränkt – inklusive Personal. Diese Massnahme stellt die Gastwirte auch im Appenzellerland vor grosse Herausforderungen. Gesellschaften sagen Bankette ab, Hauptversammlungen im Säli werden verschoben, Kulturveranstaltungen finden nicht statt.

Neue Arbeitspläne, neue Teams

Auf der «Waldegg» wurden am Freitagabend umgehend die Arbeitspläne der 40 Mitarbeitenden angepasst. Wer kann, soll seine Freitage und Ferien jetzt beziehen, so Seniorchef Chläus Dörig. Er sagt:

«Es ist uns wichtig, die treue Belegschaft behalten und die Löhne zahlen zu können. Ob wir allenfalls Kurzarbeit beantragen, müssen wir abklären.»

In der täglichen Teambesprechung würden die Mitarbeitenden sensibilisiert, die Hygienemassnahmen umzusetzen. Auf einem runden Tisch in der Gaststube steht denn auch neben einer Flasche mit Desinfektionsmittel das rote Warnschild mit den Verhaltensempfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit. Vor dem Haus werden Gäste und Wanderer darauf hingewiesen, dass der Garten geschlossen ist.

Viele Gruppen sagen ab

Da der «Schnuggenbock» und das Restaurant Waldegg durch eine Feuerschutzwand getrennt sind, dürfen beide Bereiche des Gastrobetriebs je 50 Gäste beherbergen. «Das Personal ist neu in zwei Teams eingeteilt», sagt der Juniorchef. Sollte ein Mitarbeiter am Coronavirus erkranken, könnte das nicht betroffene Team weiterarbeiten. Seit über 35 Jahren ist Chläus Dörig auf der «Waldegg» Gastgeber. Viele Gruppen, besonders solche, die von weither kommen, würden ihren Aufenthalt im «Erlebnis Waldegg» absagen. Geöffnet sei die Bäckerei Ziträdli. Die Gastgeber auf der Waldegg setzen auf Kommunikation und die Kulanz der Gäste. «Wir empfehlen, zu reservieren.»

Reservationsliste stets vor Augen haben

«Wir müssen stets die Reservationsliste vor Augen haben», sagt Christian Koller, der mit seiner Frau Marianne seit 1999 Gastgeber ist im «Hirschen» Gais. Das Lokal bietet 80 Plätze im Haus und 40 im Garten. «Damit die Sicherheitsabstände eingehalten werden können, haben wir pro Tisch weniger Stühle als üblich», sagt der Gastgeber. Gäste zum Mittag- und Abendessen, Wanderer, Vereine, die nach dem Training oder der Probe einkehren, Bankettgesellschaften – die Kundschaft sei breit gefächert. Aktuell würden vor allem Bankette wegfallen, so Koller. Schwierig sei die Planung, findet er. Und die Unsicherheit bezüglich weiterer Massnahmen und deren Dauer. Die Umsatzeinbussen ohne eigenes Verschulden seien schmerzhaft. Wichtig sei jedoch, dass man keine Mitarbeitenden entlassen müsse.

Angst vor einer kompletten Schliessung

Auch Betriebe mit weniger als 50 Plätzen spüren die Corona-Krise, etwa das Restaurant Schäfli in Waldstatt. Gastgeberin Brigitte Betschart-Bühler sagt:

«Ich habe Angst, dass die Weisung kommt, wir müssten komplett schliessen.»

Die Ungewissheit sei belastend, sie werde wohl Kurzarbeit beantragen. Manche Stammgäste, etwa eine Kaffeerunde älterer Frauen, wüssten nicht, ob sie weiterhin einkehren. Es gebe aber auch Lichtblicke, etwa der Besuch eines Paares, das statt ins Kino zu gehen, ein feines Nachtessen im «Schäfli» genoss. Ganz wichtig sei, dass sich alle an die Hygienevorschriften halten. So habe Betschart beispielsweise bei einem Traueressen darauf hingewiesen, dass aus Rücksicht auf die Mitmenschen die Speisen der kalten Platte ausschliesslich mit der Serviergabel auf den Teller geschöpft werden sollen. Bei den Gästen gebe es nur ein Thema: «Corona».

Umsatzeinbusse grösser als im Schweizer Schnitt

Absagen über Absagen: Anlässe, Bankette, Versammlungen, Hotelübernachtungen. Die Gastrobetriebe im Appenzellerland erleiden massive Einbussen. Der Umsatzrückgang in Gastrobetrieben in Appenzell Ausserrhoden beträgt seit Ausbruch der Corona-Krise gemäss einer Studie des Verbandes Gastro Suisse 39,5 Prozent. Deutlich mehr als der gesamtschweizerische Durchschnitt von 32,5 Prozent. «Nun gilt es mit dem Amt für Wirtschaft abzuklären, wie dem Gastgewerbe rasch, unkompliziert und nachhaltig geholfen werden kann», sagt Markus Strässle, Präsident des Verbandes Gastro AR. Er nennt als Beispiel die Möglichkeit, Kurzarbeit beantragen zu können. Eine Hürde seien die umfangreichen Formulare, die es auszufüllen gelte. Vereinfachungen und Anleitungen wären hilfreich, so Strässle. Die Liquidität sei wichtig für die Betriebe. Löhne, bestellte Produkte und Pachtzinse müssen bezahlt werden. Auf Unterstützung durch die Banken macht sich Strässle wenig Hoffnung.

Tourismusdestination für ältere Gäste

Ausserrhoden sei als Tourismusdestination vor allem für ältere Gäste interessant. Da diese eine Risikogruppe sind, gebe es besonders viele Absagen aus diesem Segment. Strässle geht davon aus, dass die Krise länger anhalten wird. Nach der Aufhebung der Massnahmen brauche es zudem viel Zeit, bis Buchungen und Anlässe wieder den gleichen Wert erreichen wie vor dem Ausbruch der Corona-Krise. Ersatzdaten für Anlässe finden, Angebote bewerben, Veranstaltungen auf die Beine stellen – das alles daure. Es treffe alle Betriebe, grosse und kleine. Wie die vom Bund versprochene Hilfe ankomme, sei offen. Der Präsident von Gastro AR schliesst nicht aus, dass es zu Betriebsaufgaben kommt – wenn auch erst als Spätfolge.

Innerrhoder Wirte erhalten Unterstützung

«Der Kanton hat seine Unterstützung zugesichert», sagt Stephan Sutter, Präsident von Gastro AI. «Jeder Gastrobetrieb soll Kurzarbeit anmelden können.» Diese Massnahme sei wertvoll für die Gastwirte und vermittle Sicherheit. Am meisten zu schaffen mache ihnen die Unsicherheit bezüglich der Dauer, bis wieder Normalität einkehre. Die Innerrhoder Restaurants würden praktisch nur noch von Gästen aus der Schweiz besucht. Der Inhaber des Hotel Appenzell sagt: «Ich wünsche mir, dass wir im Sommer wieder gewöhnlich viel zu tun haben.»