DIETFURT: 100-Jährige: «Herrgott half sogar beim Schmuggeln»

Karl Brändle, Gemeindepräsident von Bütschwil-Ganterschwil, hat alle Hände voll zu tun, besser gesagt zu tragen. Einen riesigen Blumenstrauss überreichte er der 100-jährigen Einwohnerin von Kengelbach, Maria Breitenmoser, am 23. August.

Delia Hug
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Am 23. August durfte Maria Breitenmoser in Kengelbach ihren 100. Geburtstag feiern. Karl Brändle, Gemeindepräsident von Bütschwil-Ganterschwil, überbringt der Jubilarin einen Blumenstrauss und Glückwünsche der Regierung des Kantons St. Gallen und des Gemeinderates. (Bild: Delia Hug)

Am 23. August durfte Maria Breitenmoser in Kengelbach ihren 100. Geburtstag feiern. Karl Brändle, Gemeindepräsident von Bütschwil-Ganterschwil, überbringt der Jubilarin einen Blumenstrauss und Glückwünsche der Regierung des Kantons St. Gallen und des Gemeinderates. (Bild: Delia Hug)

Liegt es an der sauberen Landluft? Ist es die abgelegene Lage und deren Ruhe? Oder etwa doch der prickelnde Weisswein? Bütschwil scheint ein gutes Pflaster für dreistellige Jubiläen zu sein. Maria Breitenmoser ist dieses Jahr einer der drei Menschen, die ihren 100. Geburtstag feiern dürfen. Sie selbst weiss genau, warum sie so alt geworden ist: «Wenn ich keinen Glauben an Gott hätte, wäre ich schon lange nicht mehr hier», ist Maria Breitenmoser überzeugt.

«Gott führte mich immer anders, als ich wollte»

Vor dem Gasthof Löwen in Kengelbach, wo sie aufgewachsen ist und heute lebt, werden noch die letzten Staubkörner weggekehrt, ein Plakat ziert den Eingangs­bereich und die Tische sind mit Sonntagsdeckchen bestückt. Geht man die Treppe hoch, wird die Dekoration noch üppiger. Blumen, Bilder und eine Girlande umgeben die Jubilarin auf dem Sofa, die mit Filzpantoffeln und Blumenhemd ihre Gäste empfängt. Ihre Freude über die blumigen Glückwünsche des Gemeindepräsidenten ist gross. Ihr Seh- und Hörvermögen ist stark beeinträchtigt, das sind jedoch die einzigen gesundheitlichen Probleme, welche die 100-Jährige zu verzeichnen hat. Man könnte sie als sprechendes Geschichtsbuch bezeichnen, denn sie weiss noch alles bis in kleinste Detail. Es benötigt nur wenig Überzeugungskraft, die Bütschwilern zu einem Glas Weisswein zu ver­leiten, statt eines Milchkaffees. «Das erinnert mich an meine Kindheit», meint Breitenmoser, als man ihr einschenkt. Sie habe nämlich schon als Kind die Gäste in dieser Stube bedient. Tante Marie, so wird sie von fast allen genannt, ist die älteste der zehn Geschwister. Auf der Suche nach einer Arbeitsstelle wurde die Ausbildung der Hauswirtschaftslehrerin in St. Gallen nicht anerkannt. Stattdessen bekam sie ein Angebot in Paris. «Ich dachte mir, das muss ich jetzt einfach machen», erinnert sie sich. Gott habe sie eh immer anders geführt, als sie es geplant hatte. 1939, zwei Jahre später, hatte sie bereits eine neue Stelle in Afrika in Aussicht.

Dank Schutzengel und Habermus ein langes Leben

Doch der Zweite Weltkrieg spitzte sich gerade zu, somit kehrte sie vorläufig in die Schweiz zurück. Nach dem Krieg war sie ein Mitglied der Caritas-Equipe, und versorgte die Menschen in den verschiedensten Ländern mit dem Nötigsten. «Stossen wir an auf den Frieden», sagt Breitenmoser, hebt das Glas und erzählt fast ohne Atempause weiter. «Einmal wollten wir bei der Rückkehr aus Deutschland die Statuen des Heilands und der Mutter Gottes mit in die Schweiz schmuggeln.» Doch am Basler Zoll hätte ein französischer Offizier sie und ihre Kollegin kontrolliert. «Ich habe dem Offizier so viel von mir erzählt und noch eine Flasche Wein mit ihm geleert», lacht Maria Breitenmoser. Letztlich interessierte er sich nicht mehr für die Ware und sie konnten weiterfahren. Der Herrgott helfe sogar beim Schmuggeln, weiss Breitenmoser zu schätzen. Ihr Geheimnis für ein langes und gesundes Leben, gibt die fröhliche Frau gerne preis. «Man soll nicht zu viel von einem selbst erwarten, sondern vom Herrgott.» Und natürlich ein Habermus zum Frühstück, das habe sie sich immer gekocht. Auch der ihr zugeordnete Erzengel Raphael hat seine Arbeit bestens erledigt. Als sie 1993 einen Herzinfarkt hatte, war ihr Schutzengel zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Maria Breitenmoser ist dankbar, dass sie mit Hilfe ihrer Schwägerin Adelheid Breiten­moser und deren Nichte Vreni Brändle noch zu Hause wohnen darf. «Ich mache ja nicht mehr viel, nur noch beten», sagt die Jubilarin.

Bis vor einem Jahr ging sie noch fast täglich fürs Frühstück in die Gaststube. Heute wird das Essen im oberen Stockwerk serviert. Für ihren Ehrentag habe sie sich Hackbraten gewünscht, meint ihre Schwägerin. Der nächste Besuch steht bereits vor der Tür und Maria Breitenmoser hat noch eine letzte Weisheit zum Abschied in petto: «Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen.»