Diese zwei sind noch zu haben

Seit drei Jahren gibt es die Internet-Plattform «Rent a Rentner». Darauf bieten Pensionierte ihre Arbeitskraft an oder lassen sich von Familien «adoptieren». In der Ostschweiz sind diese Dienstleistungen allerdings noch wenig bekannt.

Karin Erni
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Andreas Oschwald repariert sorgfältig ein antikes Spielzeug. (Bilder: ker)

Andreas Oschwald repariert sorgfältig ein antikes Spielzeug. (Bilder: ker)

APPENZELLERLAND. Die Motive, nach der Pensionierung weiter- zuarbeiten, können sehr unterschiedlich sein. Viele Rentner fühlen sich rüstig und möchten noch nicht zum alten Eisen gehören. Sie geniessen die sozialen Kontakte, die Ihnen die Arbeit bringt und freuen sich, wenn ihr Fachwissen und ihre Erfahrung gefragt sind. Es gibt aber auch Fälle, wo die Rente knapp und ein Zusatzverdienst höchst willkommen ist.

Mit «Rent a Rentner» existiert seit über drei Jahren eine Online-Plattform, auf der man Rentnerinnen und Rentner mieten kann. Diese können sich registrieren und ihre Dienste anbieten. Dazu gehören etwa Gartenarbeiten, Briefkasten leeren oder Reparaturarbeiten. Im Appenzellerland haben sich etwa zwei Dutzend Rentner registriert. Viele von ihnen erklärten jedoch auf Anfrage, sie erhielt nur sporadisch Angebote. Peter Gloor aus Gais und Andreas Oschwald aus Hundwil sind hingegen ziemlich ausgelastet mit Aufträgen.

Vielseitiger Unternehmer

Im Jahr 2007 verkaufte Peter Gloor seine Handelsfirma für Inkontinenzwäsche. Doch einfach auf der faulen Haut liegen, war nicht sein Ding. «Geistig fit bleibt man nur, wenn man immer etwas tut», ist der 70-Jährige überzeugt. «Und ich will nicht, dass es mir langweilig wird.» Der Sportschütze und ehemalige Trainer beim Schützenverband widmete sich dem Aufbau des Schiessportzentrums Teufen. «Das war zeitweise mindestens ein 100-Prozent-Job», erinnert er sich. Gloor ist als Textilkaufmann in der ganzen Welt herumgekommen und hat später eine eigene Firma gegründet. «Ich war ein vielseitiger Einzelunternehmer und habe dadurch umfangreiche Detailkenntnisse erworben. Ich musste die Buchhaltung führen, Steuererklärungen ausfüllen, Briefe und Rechnungen erstellen oder mich um die Werbung, Warenbeschaffung und Logistik kümmern. All diese Fähigkeiten kann ich nun in den Dienst von Leuten stellen, die in diesen Dingen nicht so bewandert sind.»

Zwei Tage pro Woche

Die Gloors haben ihr Haus in Teufen verkauft und sich dafür eine Wohnung in Gais angeschafft. «Jetzt gibt es im Haus und Garten weniger zu tun und ich habe Zeit, mich anderen Dingen zu widmen», so Peter Gloor. Über die Marktplatzfunktion bei «Rent a Rentner» ist er an ein grösseres Engagement gekommen. Für das Internet-Altersportal 50+ verkauft er an zwei Tagen pro Woche Bannerwerbung. Ein Job, der ihm Spass macht. «Es ist zwar nicht ganz einfach, denn man muss die Kunden intensiv beraten und das Produkt genau erklären, darin bin ich aber ziemlich gut.» Als Anbieter von Dienstleistungen bei «Rent a Rentner» kann man eine Ampel schalten, die anzeigt, ob man noch Aufträge annimmt. Bei Gloor steht sie auf Gelb, was heisst «bin gut gebucht, nehme aber gerne noch Aufträge an».

«Pure Begeisterung»

«Marketingberatung, Maurerarbeiten, Bügeln» steht beim Profil von Andreas Oschwald aus Hundwil. Auf Nachfrage erfährt man, dass dieser Rentner noch viel mehr kann. Ob Badezimmer plätteln, Holzarbeiten, Elektroinstallationen oder Gartenarbeiten – er könne fast alles, sagt der 72-Jährige. «Die Kunden dürfen aber nicht die gleiche Perfektion erwarten wie bei einem professionellen Handwerker. Ich mache es so gut, wie ich es eben kann.» Einen fixen Stundensatz hat Oschwald nicht. Mit Geld habe er schlechte Erfahrungen gemacht. «Für mich ist Wertschätzung die einzig richtige Währung. Ich sehe mich als modernen Taglöhner. Die Leute, die mich buchen, bezahlen das Material und gewähren mir im Gegenzug Kost und Logis. Wenn sie mit der Arbeit zufrieden sind, dürfen sie mir nach Gutdünken auch etwas bezahlen.» Gerne tauscht Oschwald auch etwas Nützliches oder Schönes gegen seine Arbeitsleistung ein. «Einige Kunden haben mir schon Werkzeug geschenkt. Bei einem Künstler durfte ich einmal ein Bild als Gegenleistung aussuchen.» Auch mehrere gute Freundschaften seien so entstanden.

Handwerk als Ausgleich

Für den studierten Chemieingenieur war das Handwerk als Ausgleich zur Kopfarbeit immer wichtig. «Schon mein Vater hatte eine Werkstatt, in der ich mich austoben durfte. Später habe er für seine Kinder Bäbistuben und ähnliches gezimmert. «Wenn ich etwas nicht konnte, habe ich einen Handwerker gefragt, das konnte man damals noch», erinnert sich Oschwald. So baute er seinen Erfahrungsschatz kontinuierlich aus. Seine Arbeit bringt ihn mit Menschen zusammen. Schöne Erinnerungen verbindet er mit seinen Reisen nach Ecuador. Dort hat er einer mittellosen Schule kostenlos die Elektroinstallation ausgeführt. «Sie waren so dankbar. Mir zu Ehren wurde ein Fest gemacht, und sogar eine Medaille haben sie mir um den Hals gehängt.» Gerne würde Oschwald dereinst in das Generationenhaus in Trogen einziehen. «Dort wäre ich dann der Haushandwerker.»

Am Telefon zu verhandeln liegt Peter Gloor nach wie vor.

Am Telefon zu verhandeln liegt Peter Gloor nach wie vor.