Diese Rössli wiehern den Weg frei - Historische Betrachtung der Botzerössli in Appenzell

Sie gehören zur Fasnacht in Appenzell wie das Amen in der Kirche: Die Botzerössli. Eine historische Betrachtung der Tradition zeigt, dass diese erstmals 1837 durch den Wolfhäldler Titus Tobler (1806-1877) belegt ist.

Achilles Weishaupt
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Die Botzerössli gelten als appenzellische Eigenheit und einzigartiges Kulturgut der Appenzeller Fasnacht. Die Botzerössli werden den Teilnehmenden unentgeltlich zur Verfügung gestellt. (Bild: APZ)

Die Botzerössli gelten als appenzellische Eigenheit und einzigartiges Kulturgut der Appenzeller Fasnacht. Die Botzerössli werden den Teilnehmenden unentgeltlich zur Verfügung gestellt. (Bild: APZ)

Beim europäischen Kultur- und Brauchtumstreffen in Altstätten von diesem Wochenende waren auch die Botzerössli aus Appenzell dabei. Am Fasnachtssamstag, 2. März, werden sie dann wieder den grossen Traditionsumzug im eigenen Dorf anführen. Dabei traben sie, angetrieben von Trömmelern, mit dem Temperament von ungezähmten Fohlen dem Umzug voran und schaffen für ihn wiehernd freie Bahn.

Doch woher kommt dieser Brauch, der für die Zaungäste alljährlich als beliebtes Fotosujet dient? Der Wolfhäldler Titus Tobler (1806–1877) erwarb sich mit seinem «Appenzellischem Sprachschatz» (1837) grosse Verdienste in der Mundartforschung. In seinem Werk findet sich auch erstmals etwas zu den «Botzerössli». Dabei beschreibt er ein solches als ein «Popanz mit einem hölzernen Pferd, worauf er [dem Anscheine nach] reitet». Unter «Popanz» versteht Tobler einen fasnächtlichen Narr. Vor jeder Fasnacht soll dieser, umringt von schaulustigen Kindern, vor den Häusern einen Spruch zum Besten gegeben haben.

Der in Toblers Werk abgedruckte Spruch klingt schwäbisch und enthält nur einige appenzellische Wörter. Es wird hier denn auch eine Übernahme aus dem alemannisch-süddeutschen Sprachraum vermutet. Dies ist durchaus denkbar, lässt sich doch dort dieser Brauch noch früher schriftlich belegen.

Das «Altdorf-Weingärtner Museumsblättle» weiss im Jahr 2011 in seiner zweiten Nummer von einem Zimmermann Matthias Sterk zu berichten. Dieser soll am 14. Januar 1825 den Altdorfer Gemeinderat gebeten haben, dass er ihm zur Aufbesserung seines Einkommens erlauben möge, mit seinem Fasnachtsrösschen Darbietungen zum Besten zu geben. Überliefert ist, dass er als «Rösslereiter» in und um Weingarten mit Versen und Sprüchen die Fasnacht verkündete, auch in anderen Jahreszeiten zu Hochzeiten einlud. Noch heute sind die «Butzarössle» in der süddeutschen Basilikastadt fester Bestandteil der dortigen «Fasnet».

Ein scheinbar älterer Beleg

Heraldiker Jakob Signer (1877–1955) erwähnt in seiner «Chronik der Appenzell I.-Rh. Liegenschaften» bei einem Anwesen im Bezirk Schlatt-Haslen für das Jahr 1776 einen Franz Anton Allmann, «der ‹Zillenbuggels Medel› hat. Er stammte aus Savoien und war Spielmann. Als solcher kam er weit herum. Er ist auch der älteste bekannte ‹Butzenrössliritter› im Lande.» Leider wird zu letztgenannter Tätigkeit kein Beleg angeführt. Doch deutet vieles darauf hin, dass Signers Aussage Glauben zu schenken ist. So lassen sich vorhin erwähnte Personen in genealogischen Quellen ausfindig machen. Es handelt sich hierbei um Franz Josef Allmann (erstmals erwähnt 1767, † 1808), der als Hintersässe in der Pfarrei Haslen, wohl im Blattersbildstock, aber auch in jener von Appenzell wohnte. Er war verheiratet mit der Gontnerin Maria Magdalena Heim (1747–1794), mit der er mindestens neun Kinder zeugte.

In Zeitungsartikeln lassen sich Hinweise finden, wonach in der Zwischenkriegszeit ein gewisser Mann mit Nachnamen Allmann an der Fasnacht als «Botzerössli» von Haus zu Haus gezogen war. Vor jedem hätte er seine lustigen Reitkünste gezeigt wie auch sein launiges Sprüchlein und Schnitzelbänke vorgetragen. Damals lebten nur wenige Personen mit diesem Nachnamen in Appenzell. Man hat es hier wahrscheinlich mit Josef Anton Allmann-Neff (1894–1931) zu tun, der in Appenzell am Freudenberg und beim «Rot Tor» wohnte. Obiger Franz Josef Allmann war einer seiner Vorfahren aus direkter männlicher Linie. Der Brauch muss also innerhalb der Familie weitergegeben worden sein.

Die meisten Angehörigen des Geschlechts Allmann sind noch heute Bürger von Appenzell Innerrhoden. Direkte Vorfahren von ihnen wurden, weil ohne kommunale Zugehörigkeit, aufgrund des Bundesgesetzes vom 3. Dezember 1850 zwangsweise eingebürgert. Ohne Heimatrecht hatten sie vorher kein Anrecht auf Armenfürsorge, die damals nach dem Heimatprinzip geregelt war, was in vielen Gemeinden zu Abschottung gegen Fremde führte. Ärmere Heimatlose lassen sich denn auch durch eine fahrende Lebens- und Verhaltensweise kennzeichnen. Doch lässt sich hier in Innerrhoden in einigen Fällen eine Duldung feststellen. Sogar, wie vorhin erwähnt – zumindest im 18. Jahrhundert – das Eingehen einer legalen Beziehung mit einer Einheimischen. Franz Josef Allmann dürfte demnach den Brauch als weitgereister Spielmann in Appenzell eingeführt haben. Vielleicht nach seiner Heirat (1767) oder einer längeren Landesabwesenheit in den 1780er-Jahren, in einem Zeitraum, als er im inneren Landesteil von Innerrhoden keine Kinder taufen liess.

Beinahe ausgestorben

Nach Josef Anton Allmanns Tod (1931) und dem Zweiten Weltkrieg, während dem die Fasnacht infolge des Verbots von Veranstaltungen vernachlässigt werden musste, war der Brauch dem Aussterben geweiht. Sein Wiederaufleben setzte wohl erstmals an der Fasnacht von 1948 ein, als am Mittwoch und Donnerstag unter Anführung des «Botzerösslis» eine junge Schar durch die Strassen von Appenzell zog und einen rechten Heidenlärm verursachte. Zufolge einer Skizze im «Anzeiger vom Alpstein» (1951) sollen diesen Brauch «die Herren von der Trachtenvereinigung» ins Leben gerufen haben. Allmählich bekam das «Botzerössli» Nachwuchs, und von da an begeistern mehrere solche zumeist junge Reiter das fasnächtliche Appenzell.

Hilfe zu einem erneuten Aufleben musste auch im Jahr 1999 geleistet werden. Damals geschah dies durch den Fasnachtsverein Appenzell. Seither eröffnen sie am Vorabend des Schmutzigen Donnerstags die Fasnacht, nehmen an diesem Tag am Fasnachtsumzug der Kinder und am darauf folgenden Samstag am grossen Umzug teil.

Hinweis zum Autor: Achilles Weishaupt ist Historiker aus Appenzell Steinegg.