Diebe, Umtriebe und ehrliche Finder

Ein Paket im Briefkasten weckt meine Neugierde. Graues Papier umhüllt etwas Weiches. Der Absender stammt aus Muttenz. Ich kenne niemanden dort. Bestellt habe ich nichts.

Mea Mc Ghee
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Bild: Mea Mc Ghee

Bild: Mea Mc Ghee

Ein Paket im Briefkasten weckt meine Neugierde. Graues Papier umhüllt etwas Weiches. Der Absender stammt aus Muttenz. Ich kenne niemanden dort. Bestellt habe ich nichts. Wer also schickt mir ein Paket – und was ist drin?

Kaum ist ein Stück des Papiers zerrissen, lugt blaues Material hervor. Meinem Aha-Erlebnis folgen Freude und Ärger. Freude darüber, dass jemand meine Adresse ausfindig gemacht und sieben Franken Portokosten investiert hat, um ein Portemonnaie zu versenden. Ärger über den misslichen Zustand des Geldbeutels. Er müffelt grauslig, sein Äusseres ist ramponiert, sein Innenleben gefleddert. Auf den wenigen Kärtchen, die im Portemonnaie verblieben sind, haben sich Flecken – es ist wohl Schimmel – breit gemacht.

Rückblende: Vor mehr als einem halben Jahr ist mir in Basel an einem Fussballturnier das Portemonnaie abhanden gekommen. Verloren, geklaut? Ich weiss es nicht. Geld weg, Bankkarten weg, Ausweise weg – alles war weg. Und das wenige Tage vor einer Auslandsreise! Die Umtriebe waren gross, die Kosten hoch, die Nerven entsprechend strapaziert: Es folgten Telefonate an den Platzwart, an den Turnierorganisator, ans Fundbüro – und schliesslich der Gang zur Polizei. Es galt, die wichtigen Dokumente zu sperren und zu ersetzen. Bankkarten, Führerausweis, ID, ID des Sohnes, Halbtax, Bibliotheks- und Krankenkassenkarten, Kreditkarten, Zooabonnement, Cumulus-Karte & Co. . . .

Die Monate sind ins Land gezogen, die Erinnerung an den Verlust und seine Folgen sind verblasst, längst habe ich ein neues, trendiges Portemonnaie – da taucht das alte Teil wieder auf. Anhand des Krankenkassennachweises wurde ich wohl als Besitzerin identifiziert. Dem grauen Päcklein lag ein Zettel bei. Sie hätten das Portemonnaie im St. Jakobwald bei Basel entdeckt, so die edlen Finder. Ich stelle mir vor, wie sich der Dieb über die paar Franken gefreut hat, wie er das Portemonnaie achtlos weggeschmissen hat, wie ein neugieriger Fuchs daran geschnuppert hat, wie es unter Laub verborgen lag – mein Ärger verblasst.