Die zwei Seiten des Wandels

Der neue Geschäftsführer der Appenzellerland Tourismus AG setzt auf eine neue Strategie. Nicht mehr jeder Leistungsträger soll künftig unterstützt werden. Das nötige Fingerspitzengefühl wird gefordert.

Rik Bovens
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AUSSERRHODEN. Die Appenzellerland Tourismus AG (Atag) wird mit ihrer neuen Strategie nicht mehr den ganzen Tourismusbereich im Appenzellerland abdecken. Dies hat der neue Geschäftsleiter, Urs Berger, an der Generalversammlung vergangene Woche bekanntgegeben.

Umdenken wird nötig

An diesem Vorgehen stossen sich gewisse Beteiligte, wie beispielsweise die Verfechter der Nordic-Walking-Routen. Die Atag hatte auf den Routen die Markierungsschilder abmontiert, da sie im Nordic Walking kein Potenzial mehr sieht.

Laut Urs Berger brauche dieses Umdenken Zeit, denn die Atag könne nicht mehr jeden Leistungsträger im Kanton Appenzell Ausserrhoden unterstützen. Einige Leistungsträger seien mit diesem Umdenken schon weiter als andere. Spätestens in einem Jahr, wenn die Atag mit einem ersten strategischen Geschäftsfeld in den Markt eintreten will, soll sich dies jedoch ändern.

Fingerspitzengefühl gefragt

Der Geschäftsführer erhält bei der Umsetzung der Strategie Unterstützung aus der Politik. Laut Kantonsrat Edgar Bischof sei es wichtig, Bewährtes beizubehalten und Innovatives zu fördern. Eine Fokussierung auf einzelne Teilbereiche sei in der heutigen Zeit die bessere Variante. «Wie ein Gemischtwarenhandel von allem ein bisschen anzubieten, damit hat man heutzutage keinen Erfolg mehr. Das ist auch in der Privatwirtschaft so», sagt der Kantonsrat.

Was mit denjenigen passiere, welche nicht mehr auf die Unterstützung der Atag zählen könnten, werde sich zeigen, so Berger. Die Betroffenen hätten jedoch die Möglichkeit, Unterstützung bei den umliegenden Tourismusorganisationen zu suchen. Um ihre Existenz brauchten die Leistungsträger laut Berger nicht fürchten. Durch die neue Strategie würden die Touristen effizienter angelockt. Das würde auch Vorteile bringen für die Leistungsträger, welche nicht von der Unterstützung durch die Atag profitieren könnten, so Urs Berger. Edgar Bischof teilt diese Ansicht. Jedoch müsse man darauf bedacht sein, mit dem nötigen Fingerspitzengefühl vorzugehen. «Es soll kein grosser Flurschaden angerichtet werden. Das Ziel darf man deshalb aber nicht aus den Augen verlieren», so Bischof.

Zusammenarbeit als Grundlage

Max Nadig, heutiger Präsident von Toggenburg Tourismus und ehemaliger Präsident des Verbands Appenzellerland Tourismus AR (VAT AR), ist ebenfalls ein Verfechter des Destinationsmanagements der dritten Generation. So heisst der theoretische Ansatz der zwei HSG-Professoren Pietro Beritelli und Christian Laesser, nach welchem sowohl die Atag, als auch die Toggenburg Tourismus ihre neue Strategie entwickeln.

Das Konzept initiiert laut Nadig einen engen Kontakt zwischen den Tourismusorganisationen und den Leistungsträgern. Diese Zusammenarbeit sei neu und die Grundlage der Strategie. Durch den engen Kontakt könne man die Angebote sehr stark an die Bedürfnisse der Kunden anpassen. «Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, wieso die Gäste in unsere Region kommen», erklärt Nadig. Aus den gewonnenen Erkenntnissen liessen sich dann konkrete Angebote, die auf den Kunden abgestimmt seien, ausarbeiten.

Ausserdem würden die einzelnen Leistungsträger mit dem neuen Konzept dazu angeregt, sich aktiv an der Gestaltung von neuen Produkten zu beteiligen. Dies sei der Fall, da die Tourismusorganisation zwar die Region als Marke pflege, die restliche Werbung jedoch in den Händen der Leistungsträger liege, so Max Nadig.

Ineffizient gewirtschaftet

Den Strategiewechsel begründete der neue Geschäftsführer vorwiegend mit der ineffizienten Nutzung und Verteilung des Marketingbudgets in der Vergangenheit.

Ein weiterer Kritikpunkt, welcher die Notwendigkeit der neuen Strategie untermauere, sei die ebenfalls ineffizient durchgeführte Umwandlung des damaligen VAT AR in die heutige Aktiengesellschaft Tourismus Appenzellerland. Diese sei zu sehr in die Länge gezogen worden und zu kostenintensiv ausgefallen. Die finanziellen Auswirkungen der Umwandlung zeigen sich auch noch rund zwei Jahre später in der Jahresrechnung. Diese ist aufgrund unvorhergesehener Personalkosten erneut schlechter ausgefallen als erwartet. Die Umwandlung sei nun grösstenteils abgeschlossen, und man rechne mit keinen weiteren Kosten, so Berger.

Zu tiefe Bettenauslastung

Im Rahmen der Strategiefindung arbeite man laut Urs Berger auch an Möglichkeiten, die Hotellerie zu fördern. Die Anzahl der Logiernächte sinkt in Ausserrhoden seit Jahren. Mit dem Reka-Feriendorf in Urnäsch konnte diesem Trend etwas entgegengewirkt werden, wie Berger berichtet. Mittlerweile stammten sogar 31 Prozent der in Ausserrhoden verbuchten Logiernächte vom Feriendorf. Mit neuen Hotelprojekten möchte man die Kapazität zusätzlich erhöhen. Ein Vergleich mit der Tourismusdestination Obwalden zeigt, dass die Auslastung der Betten in Appenzell Ausserrhoden im Vergleich zu den Mitkonkurrenten unterdurchschnittlich ausfällt. Während Obwalden über rund doppelt so viele Betten verfügt wie Appenzell Ausserrhoden, kann der Innerschweizer Kanton fast viermal so viele Ankünfte verbuchen. Zurückzuführen sei dies auf die Saisonalität des Tourismus im Appenzellerland, so Berger. Zwar seien die Betten in den Hauptzeiten zwischen Mai und Juni gut ausgelastet. In den Wintermonaten lasse die Belegung jedoch zu wünschen übrig.

Wintersport im Appenzellerland

Aus diesem Grund erwäge man im Rahmen der neuen Strategie, das Appenzellerland auch als Wintersportdestination zu fördern. Das Thema werde momentan in den Arbeitsgruppen diskutiert, so Berger. Ob das Appenzellerland bald zur Skiregion wird, ist fraglich. Wann die Arbeitsgruppe ihre Erkenntnisse präsentiert, ist noch offen.

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