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Die witzige Seite des Appenzellerlandes

Zum Appenzellerland gehört der Appenzeller Witz. Doch was hat es mit diesem auf sich? Ein Gespräch mit Witzforscher und Begründer des Witzwanderweges zwischen Heiden und Walzenhausen, Peter Eggenberger.
Astrid Zysset
Peter Eggenberger neben einer der Tafeln des Witzwanderweges. (Bild: ASZ)

Peter Eggenberger neben einer der Tafeln des Witzwanderweges. (Bild: ASZ)

Er gilt als eine besondere Appenzeller «Spezialität»: der Witzwanderweg. Dieser rund acht Kilometer lange Weg führt von Heiden bis nach Walzenhausen und ist mit 40 Tafeln ausgestattet, auf denen Wanderer Appenzeller Witze nachlesen können. Die Idee hierzu stammt von Peter Eggenberger. Der freiberufliche Journalist und Autor hatte einst für den Appenzellerland Tourismus geschrieben, und so kam der Wunsch auf, dass die Region wieder vermehrt zum Gesprächsthema werden sollte.

«Ich wollte Humor und Wandern verbinden.»

Gesagt, getan. Mit Ruedi Baer, dem damaligen Präsidenten des Verkehrsvereins Wolfhalden, der gemäss Eggenberger die «Knochenarbeit» übernahm, wurde der Weg erstellt und 1993 offiziell eingeweiht. Die Witze stammten aus den drei Büchlein, die der ehemalige Lehrer aus Heiden, Ruedi Rohner, herausgebracht hatte. Dies ist auch heute noch der Fundus, aus welchem die Witze herausgesucht werden – alle drei bis vier Jahre werden sie entlang des Weges ausgetauscht. Heute steht der Witzwanderweg unter der Ägide des Appenzellerland Tourismus’. «Er ist einer unserer Hauptwege», erklärt Geschäftsführer Urs Berger. 30000 bis 35000 Besucherinnen und Besucher würden jährlich verzeichnet. Deshalb hat die Tourismusvereinigung angestrebt, sich für den Unterhalt und die Vermarktung des Weges verantwortlich zu zeigen.

Die "Dicke Berta" aus Oberegg

Vor rund zehn Jahren war dies noch anders. Der Verkehrsverein Wolfhalden war für den Witzwanderweg zuständig. Und die erste Zeit suchte Eggenberger die Witze noch selbst aus. «Stubenrein» mussten sie sein. Darauf legte er wert. Und: kurz. «Wenn ich zu lange lesen muss, falle ich aus dem Wander-Rhythmus», begründet er heute seine damalige Auswahl. Als Pilotversuch wurde anfangs ein Briefkasten an das Hotel Krone in Wolfhalden angebracht, in welchen Wanderer ihre eigenen Witzvorschläge einwerfen konnten. Der Erfolg blieb jedoch aus. «Es waren viele zweideutige dabei. Die konnten wir nicht verwenden.» Am liebsten hätte Eggenberger alte, unbekannte Appenzeller Witze eingeworfen gesehen.

Doch was zeichnet den Appenzeller Witz überhaupt aus? «Die Schlagfertigkeit», ist Eggenberger überzeugt. Und: Der Witz ist personifiziert und lokalisiert. Eine gewisse Nähe zu den Orten zeichne ihn aus. «Auch ein grosser Kern an Wahrheit steckt in ihm drin.» So hatte die «dicke Berta» mit ihren 468 Pfund Gewicht und über welche so manche Witze kursierten, tatsächlich einst in Oberegg gewohnt.

30 Franken pro Zimmer und Sau

Auch der «Seppetoni» mit seinen 85 Zentimetern Körpergrosse gab es – just auch in Oberegg – tatsächlich. «Das waren Originale. Sie und ihre Sprüche waren weitum bekannt. So sehr, dass sie irgendwann auch ihre eigenen Ansichtskarten bekamen.»

Und auch diese Geschichte habe sich tatsächlich so zugetragen: Ein deutscher Tourist, dem der Aufenthalt im Kurhaus Bad zu teuer war, ging ins nahe gelegene Gasthaus Bahnhof. Dort war er aber wiederum nicht zufrieden. Er beschwerte sich über den «Saustall», wollte aber dennoch wissen, wie viel ein Zimmer kosten würde. Die Inhaberin, Frau Walser, antwortete keck: 30 Franken pro Zimmer und pro Sau. Ebenso Tatsache sei der Gang zum Galgen in Trogen, als die Verurteilten sich darüber lustig machten, dass die Schaulustigen bei strömenden Regen wieder nach Hause müssten und somit länger dem Unwetter ausgesetzt seien als die Verbrecher selbst.

Die «Witzmentalität» des Appenzellers

Herausgebildet hat sich das Klischee vom witzigen Appenzeller Ende des 18. Jahrhunderts, neben anderen durch das Werk von Johann Gottfried Ebel. Der Tourismus vermarktete diese Idee, machte die Originale noch bekannter und propagierte die Frohnatur, die im Appenzellerland zu finden sei. Eggenberger kennt aber auch die andere Seite. Er spricht von der «Blässmentalität». Austeilen ja, aber einstecken vermöge der Appenzeller nicht gerne. Dann ziehe er sich mit «eingezogenem Schwanz» zurück. Eggenberger selbst beschäftigt sich seit Jahren mit dem Appenzeller Witz, hat ihn in etwa ein Dutzend unterschiedliche Kategorien eingeteilt. Eine davon ist die Schlagfertigkeit. «Die macht einen Grossteil der Witze aus. Aber eben: Für den Witz braucht es Scharfsinn, für den Humor Tiefsinn. Über Letzteres verfügt der Appenzeller nur bedingt. Darum kann er auch selten über sich selbst lachen.»

Der Ursprung des Appenzeller Witzes

Die Anfänge des Appenzeller Witzes finden sich im frühen 15. Jahrhundert. «Der Appenzellerwitz ist eigentlich so alt, wie die Freiheit des Landes; denn gerade aus jener Zeit, in der Appenzell sich aus äbtischer Untertänigkeit zur Selbständigkeit emporrang, sind uns die ersten Witze überliefert», schreibt Alfred Tobler, Herausgeber der Sammlung «Der Appenzeller Witz – eine Studie aus dem Volksle-ben», erschienen 1905.

Die Appenzeller genossen gemeinhin den Ruf, ein witziges Volk zu sein. Dies vor allem dann im 18. Jahrhundert. Zur Verbreitung trugen hier auch die Touristen bei. Diese besuchten die Region ab 1750 vielfach für sogenannte Molkekuren, kamen mit vielen Dorforiginalen in Kontakt, und zeigten sich von deren Schlagfertigkeit beeindruckt. Zu dieser Zeit häuften sich auch Belege, dass der Witz als eine Art Nationaleigenart der Appenzeller betrachtet wurde. Seit 2012 gehört der Appenzeller Witz sogar zum Unesco Kulturgut.

In neuerer Zeit erschienen Sammlungen von Ruedi Rohner, dem «Altmeister des Appenzeller Witzes», von Walter Koller, August Inauen oder Toni-Sepp Wyss. Die politische Seite der Appenzeller Satire repräsentiert Carl Böckli, ein Kämpfer gegen Opportunismus und totalitäre Ideologien; er veröffentlichte seine Karikaturen und Verse unter dem Pseudonym «Bö» vor allem im «Nebelspalter». (pd)

Ein ernüchterndes Urteil. Und trotzdem: Eggenberger liebt die Appenzeller Witze. In der ursprünglichsten Form. So waren sie zu Beginn des Witzwanderweges – als er noch dafür verantwortlich war – lediglich im Dialekt auf die Tafeln angebracht worden. Ungeachtet dessen, ob sie von den Touristinnen und Touristen verstanden wurden oder nicht. «Wenn sie halblaut vorgelesen wurden, kapierten die Pointe auch unsere Süddeutschen Nachbarn», so Peter Eggenberger. Heute ist das etwas anders. Einige wurden ins Hochdeutsche übersetzt. Allerdings nicht alle. Denn: «Es ist nicht immer einfach, eine schriftdeutsche Fassung zu finden, ohne dass die Pointe verloren geht», so Urs Berger. Einige Witze seien aber ohnehin schon in der Originalfassung in Rohners Büchern in Schriftdeutsch niedergeschrieben worden.

Der Witzwanderweg existiert heute schon seit 25 Jahren. Und die Faszination scheint ungebrochen. «Es ist schön, zu sehen, dass ein Produkt auch nach alle den Jahren Freude auslöst», so Eggenberger. Kürzlich war er im Rahmen einer Lesung aus seinem Buch «Vo gschiide ond tomme Lüüt» in Winterthur zu Gast und fragte das Publikum, wer denn den Witzwanderweg kenne. Der halbe Saal hob die Hand.

«Vieles verliert an Zuspruch mit der Zeit. Der Witzwanderweg scheint hier echt eine Ausnahme zu sein. Wie erfreulich!»

Gab es denn entlang des Weges auch schon Witze, die bei den Besucherinnen und Besuchern missverstanden oder überhaupt nicht goutiert wurden? «Nein. Praktisch jeder Witz ist bisher angekommen.» Einmal habe man allerdings eine Dublette fabriziert respektive einen Witz zweimal aufgehängt. Und jeder weiss: Ein und derselbe Witz zweimal erzählt, ist einfach nicht mehr lustig ...

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