Die Welt in weissen Hemden

Die Künstlerin Andrea Ostermeyer verpackt ihre feine Kritik am heutigen Wirtschaftssystem in Plastiken aus textilen Materialien. Ab heute sind sie in der Kunsthalle Ziegelhütte zu sehen.

Michael Genova
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Andrea Ostermeyer vergleicht ihre Installation «Weisse Hemden» mit modernen Wirtschaftskonzernen: «Das sind Körper, die hilflos baumeln.» (Bild: mge)

Andrea Ostermeyer vergleicht ihre Installation «Weisse Hemden» mit modernen Wirtschaftskonzernen: «Das sind Körper, die hilflos baumeln.» (Bild: mge)

APPENZELL. «White collar», weisser Kragen, heisst der schlichte Titel der Ausstellung von Andrea Ostermeyer. In der Kunsthalle Ziegelhütte zeigt die in Lübeck geborene Künstlerin ab heute eine Reihe installativer Arbeiten. Im Erdgeschoss der Kunsthalle hängt das titelgebende Werk: ein Mobile, bestehend aus weissen Hemdkragen. Nicht zufällig hat die Künstlerin dafür einen englischen Titel gewählt. Er bezieht sich auf die sogenannte White-Collar-Kriminalität. Verbrechen, die im weissen Kragen ausgeführt werden: Steuerhinterziehung, Bestechung, Betrug.

Die Gewänder der Kapitalisten

Auch die Installation «Weisse Hemden» führt dieses Grundmotiv weiter. Ein Hemden-Wasserfall hängt wie eine lebloser Körper von der Decke herunter. Dazu passt der Untertitel: «one big body». Andrea Ostermeyer vergleicht das Werk mit undurchsichtigen Holdings, zu denen unzählige Firmen gehören: «Das sind Körper, die hilflos baumeln.» Oft wisse in solchen Konzernen die rechte Hand nicht mehr, was die linke mache. In «doubleBoss» verwebt die Künstlerin zwei Jackets von Hugo Boss mit Reissverschlüssen zu einem neuen Ganzen. Und «Diskretion – bitte» ist eine Wandinstallation aus Nadelstreifenstoff. Die angenähten Hosentaschen sind nach aussen gekehrt. Die Botschaft lautet: «Es gibt nichts zu verbergen.»

In all diesen Arbeiten ist neben der handwerklichen Handschrift die gesellschaftskritische Haltung der Künstlerin unverkennbar. «Die Werke verweisen auf Machtstrukturen und geben einen Hinweis auf die Ebene undurchsichtiger Geschäfte», fasst Kurator Roland Scotti zusammen. Für Andrea Ostermeyer sind es Themen, die sich aufdrängen: «Wenn wir so gut leben, müssen wir uns auch fragen, auf wessen Kosten das geht.» Dabei sieht sie sich nicht als politische Künstlerin. «Es ist einfach so, dass die Themen da sind.»

Ein übergrosser Schlafsack

Die Ausstellung zu Andrea Ostermeyer ist als Miniretrospektive konzipiert. Werke von 1987 bis heute sind auf allen Stockwerken der Kunsthalle zu sehen. Ins Auge sticht der «Grosse Beutel» aus feuerrotem Kunstleder. Er gleicht einem übergrossen Schlafsack oder Fallschirm und fällt wie ein Gewand über einen der Balken der hölzernen Tragkonstruktion – so, als wolle ihn die Museumsleitung gerade auslüften. Heitere Elemente der Ausstellung sind auch die beiden «Loops» im zweiten Stockwerk. Wie zwei farbige Würmer schlingen sich die unendlichen Schlaufen um die alten Holzbalken.

Eröffnung, heute 19 Uhr, Kunsthalle Ziegelhütte, Appenzell, bis 6.9.

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