Die weite Welt ist innerlich

Brosmete

Paul Gisi
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Ich kenne Menschen, die reisen dauernd, nach Madrid, Paris, in die Sixtinische Kapelle, zur Burg Valeria in Sitten, besichtigen das Schloss Tarascon in der Provence, erholen sich beim ungarischen Plattensee, tummeln sich in den Einkaufsmeilen von Montreal, gehen auf Fotosafaris im westafrikanischen Guinea, spazieren in Davos herum, bewundern Geysire im Yellowstone Park in Amerika, bummeln in Indonesien herum, rattern in U-Bahnen in Johannesburg auf und ab – und alles ist von vornherein von einem Touristenbüro geplant und organisiert. Wenn sie wieder nach Hause kommen, erzählen sie das, was ich längst auch schon wusste, ohne dort gewesen zu sein. Der Ausflugsbus war überfüllt und überteuert, die Klimaanlage im Hotelzimmer funktionierte nicht, das Essen löste Durchfall aus, die Hitze oder die Kälte waren nicht auszuhalten, die Schuhe lösten Blasen an den Fersen aus, das Portemonnaie wurde gestohlen. Das ist die durchschnittliche Kalamität von Reisenden. Es wäre so schön gewesen, doch die Trinkgelder, die man allüberall geben musste, waren horrend. Die Ferien haben ein Loch ins Budget gerissen, und am Ende war man nur noch erschöpft, froh darüber, die Koffer zu Hause wieder auszupacken und in Ruhe einen Whisky zu trinken, ohne irgendwo wibblig herumrennen zu müssen.

Ich denke mir, die weite Welt ist innerlich, abends in sich die Glocken der romanischen Abteikirche von Maria-Laach zu hören, etwas zu psychologisieren und Selbsterkenntnis zu betreiben, das ist doch wie eine virtuose Zugabe eines Jongleurs, ein Violinkonzert von Antonio Vivaldi zu hören, Gedichte von Hilde Domin zu lesen, eine Sommerflunder auf ihren Abenteuern zu begleiten, einen Chinesischen Laubfrosch zu beobachten, der Kriechenden Rose im Topf Wasser zu geben, eine Mistel mit den gabligen Ästen an ein Bücherbrett zu heften, Poetereien an eine Geliebte zu schreiben – oder endlich einmal NICHTS zu machen, sich die Welt vorzustellen, wie sie in Abermillionen von Facetten lebt, ist und sich wandelt.

Herrlich ist die Welt!

Paul Gisi