Die Weisheit vom Haben

«Was man hat, das hat man», so lautete lange Zeit eine schöne Weisheit. Nur leider ist sie alt geworden, die Weisheit vom Haben. Heute scheint sie von gestern. Denn: «Haben» ist relativ geworden.

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«Was man hat, das hat man», so lautete lange Zeit eine schöne Weisheit. Nur leider ist sie alt geworden, die Weisheit vom Haben. Heute scheint sie von gestern. Denn: «Haben» ist relativ geworden. Wollen wir wetten? Was sich täglich an der Börse abspielt, versuchte ich im Privaten nachzuspielen. – Wobei: Spielen ist gut!

Was ich hatte, habe ich vermietet, jemandem, der darauf spekuliert, dass andere weniger haben, aber gleich viel haben wollen und also mehr dafür bezahlen, als er mir fürs Mieten bezahlen muss.

Aus dem Gewinn, den er daraus zieht, mietet er von anderen deren Habe, versplittert diese und noch anderes dazu, das er weder selber besitzt, noch ausgeliehen oder gemietet hat. Er nennt das Leerverkauf: Weil er Leere, also das was gar nicht ist, verkauft.

Zum Beispiel hat er kürzlich mein Zugsbillett vertickt, das ich selber noch gar nicht gekauft hatte.

Der schlaue Fuchs, der ihm damals das Billett abkaufte, das dereinst mir gehören sollte, hat ihm dafür dennoch nur halb so viel bezahlt, als ich später erhielt, als ich kurz vor Einfahrt unseres Zuges in den Endbahnhof beim unerwarteten Betreten des Wagens durch den Kondukteur von einem Schwarzfahrer herauspressen konnte – für ein Billett, das ich gar nicht hatte, das ich lediglich für fünf Minuten ausgeliehen hatte.

– Was übrigens für uns beide, für den Schwarzfahrer, wie für mich, eine phantastische Gewinnmaximierung darstellte. Der Schwarzfahrer hatte während des ganzen Monats darauf spekuliert, in keine Billettkontrolle zu rasseln, er hat eine Risikoprämie mit eingerechnet, diese versichern lassen und gesplittet unters Volk gebracht und daher das Geld für die Busse locker locker machen können und ich: Ich habe Versicherungen abgeschlossen für Verluste im Handel mit Dingen,

über die ich gar keine Verfügungsrechte besitze, in dem ich aber mittlerweile too big to fail geworden war.

Clever, gelt!?

Guido Berlinger-Bolt