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Die Weihnachtsdecke

Toggenburger Adventskalender – Folge 19
Monika Rösinger

Marina spürte tröstlich das Kindlein in ihrem Bauch. Kurz vor Weihnachten würde es zur Welt kommen. Sie sass mitten in unzähligen Stücken aus Edelweissflanell und Trachtenhosenstoff.

Auch Teile von Joos’ Melkerblusen lagen herum, schön zu einer Decke sortiert. Eifrig nähte sie und fügte Quadrat an Quadrat. Draussen riss ein angriffiger Wind die letzten Blätter von den Bäumen und trieb eisige Schneeflocken vor sich her.

Im Stall neben dem Haus tappten die Kühe ein und aus und der Bläss rumorte leise in seiner Hütte. Scheune und Stall waren neu, das Haus hingegen stand verwittert und sonnenverbrannt am steilen Hang. Im Frühling hatten Marina und Joos sich verlobt und das Heimet der Schwiegereltern übernommen. Bald nach der Verlobung merkte Marina, dass sie schwanger war, jetzt war das Leben nochmals so schön. Nach dem Heuet sollte die Hochzeit sein. Im Juli verunglückte Joos beim Holzen tödlich. Am Tage vor ihrer Hochzeit begrub ihn Marina starr und ohne Tränen auf dem Dorffriedhof.

Als sie wenige Wochen später die Bewegungen ihres Kindleins erstmals spürte, löste sich die eisige Starre um ihr Herz. Marina weinte und glaubte nicht mehr aufhören zu können. Sie besorgte das Vieh wie eh und je, weinend und blind vor Schmerz. Leer und ohne Tränen legte sie später Joos’ Edelweisshemden, die Melkerblusen und Trachtenhosen in der Nebenstube aus und schnitt alles in gleichmässige Stücke. Mechanisch, ohne zu denken. Trauer und Elend schüttelten sie. Dann stapelte Marina die Stoffteilchen zu kleinen Beigen. In den folgenden Wochen schmiegte sie ihr Gesicht jeden Tag eine Weile in die Stoffe, die langsam Joos’ Geruch verloren. Irgendwann löste sich der Schmerz in ihrem Innern.

Mit den Herbsttagen war die Arbeit draussen weniger geworden. Da breitete Marina die Stoffstücke zu einer Decke aus. Die braunen Teile bestickte sie mit grossen und kleinen Tieren und Blumen, die blauen verzierte sie mit unzähligen goldenen Sternen. Sie stellte sich dabei getröstet vor, wie sie dann mit ihrem Kind draussen auf der Hausbank unter dem Sternenhimmel sässe. Beide in die Decke aus Joos’ Kleidern eingekuschelt, würde sie mit dem Kleinen die Tiere und die goldenen Sterne anschauen und ihm von seinem Vater erzählen.

Hin und wieder lächelnd, mit einem glänzenden Schimmer in den Augen, nähte Marina Stück an Stück. Sie nannte sie für sich die Weihnachtsdecke.

Sternenstaub flog auf und liess sich talabwärts sachte auf einer grossen Wiese nieder.

Monika Rösinger

redaktion@toggenburgmedien.ch

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