Die Verunsicherung am Bahnhof

Eine Vorfrühlingswanderung endet am Teufner Bahnhof. Bis zur Abfahrt des Zuges der Appenzeller Bahnen, der mich nach St. Gallen bringt, dauert es noch eine Weile. Ich habe Zeit, mich rund um den Bahnhof etwas umzusehen.

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Eine Vorfrühlingswanderung endet am Teufner Bahnhof. Bis zur Abfahrt des Zuges der Appenzeller Bahnen, der mich nach St. Gallen bringt, dauert es noch eine Weile. Ich habe Zeit, mich rund um den Bahnhof etwas umzusehen. Nachdem ich mich anhand der Instrumente im altehrwürdigen Wetterhäuschen meteorologisch aufdatiert habe, schlendere ich ums Gebäude herum und wende meine Aufmerksamkeit schliesslich einer Tafel zu. «Hausordnung für das Bahnhofareal» ist sie überschrieben. Ich lese, was auf dem Areal alles nicht erlaubt ist – und bleibe an einem Passus hängen, der mich stutzig macht: Nicht gestattet ist unter anderem das Herumlungern, das Umherstreichen und das Betteln. Unwillkürlich bin ich etwas eingeschüchtert, wenn nicht gar verunsichert. Nicht, dass man mich des Bettelns verdächtigen könnte. Dazu gibt mein Verhalten keinerlei Anlass, und auch mein Äusseres lässt, trotz Freizeitkleidung, nicht auf Bedürftigkeit schliessen, die ein Betteln nötig machte. Aber könnte man mir das Schlendern rund ums Gebäude eventuell als ein Herumlungern oder gar als ein Umherstreichen auslegen? Wo genau liegt die Grenze zwischen toleriertem Einhergehen und ordnungswidrigem Gammeln? Wann geht ein Schlendern in ein Lungern über? Und werde ich am Ende gar beobachtet? Wartet ein AB-Aufpasser nur darauf, bis ich den Bahnhofareal-Kodex ritze? Ein Blick in die Runde beruhigt mich: Niemand mit Sperberblick ist auszumachen. Mein mulmiges Gefühl scheucht die Zugseinfahrt hinweg. In St. Gallen heisst es umsteigen auf den Zug Richtung Speicher. Während ich auf sein Eintreffen warte, fällt mein Blick auf eine Tafel, die mir bisher noch gar nie aufgefallen ist: «Hausordnung für das Bahnhofareal».

Martin Hüsler

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