Zahlreiche Gemeindeschreiber verlassen ihre Stelle: Die vermeintliche Flucht aus dem Amt

Rund einem Viertel der Ausserrhoder Gemeinden laufen die Gemeindeschreiber davon. Was ist da los?

Astrid Zysset
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In der administrativen Führung in vielen Ausserrhoder Gemeinden kommt es zu Wechseln.

In der administrativen Führung in vielen Ausserrhoder Gemeinden kommt es zu Wechseln.

Bild: Christian Beutler

Aussergewöhnlich viele Kündigungen in den Ämtern des Gemeindeschreibers: In sechs von 20 Gemeinden in Ausserrhoden kam es kürzlich oder wird es demnächst zu einem Wechsel kommen. Doch woran liegt das? Ist die Stelle des Gemeindeschreibers nicht mehr attraktiv?

Einer, der auf Januar 2020 dem Amt des Gemeindeschreibers den Rücken kehren wird, ist Philipp Riedener. Vier Jahre war er in Teufen tätig. Ab kommendem Jahr wird er Finanzverwalter in Rehetobel. Es sei ein persönlicher Entscheid gewesen, die Stelle zu wechseln. «Das Amt des Gemeindeschreibers empfinde ich nach wie vor als sehr attraktiv und abwechslungsreich.» Allerdings finde man sich oft im «Sandwich zwischen Verwaltung und Politik» wieder, sagt Riedener. Das erachte er jedoch nicht als Schattenseite. Ohnehin habe er Mühe, Negatives am Amt auszumachen. «Es gibt immer etwas zu tun und es wird nie langweilig.» Dazu tragen auch vermehrt Anfragen aus der Bevölkerung bei. Diese schaue immer genauer hin, was die öffentliche Hand entscheidet, findet Riedener. «Aber das ist nicht schlecht. Es zeugt von Engagement seitens der Einwohnerinnen und Einwohner. Für die Verwaltung beinhaltet es jedoch einen zeitlichen Mehraufwand.»

Von Wolfhalden nach Heiden gewechselt

Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber nehmen eine führende Rolle innerhalb der Verwaltung wahr. Sie sind hauptverantwortlich in den administrativen Belangen und stellen zugleich das Bindeglied zum Gemeinderat dar. Einst hatten sie ein bedeutend höheres Renommee als heute, wurden sie doch lange direkt vom Volk gewählt. Das bestätigt auch Heidens Gemeindepräsident Gallus Pfister. «Gemeindeschreiber sind nicht mehr die Dorfkönige von früher.» Heute haben sie administrativ gewichtige Aufgaben inne. In Heiden nahm diese in den vergangenen acht Jahren Rita Tobler wahr. Auf Ende Dezember hat sie die Kündigung eingereicht. Ihr Nachfolger wird der aktuelle Gemeindeschreiber von Wolfhalden, Marco Stübi. Dieser weilt in den Ferien, weshalb er für eine Stellungnahme nicht erreichbar war.

Rita Tobler selbst scheint das Rampenlicht eher zu scheuen und wollte keine Aussage machen. Pfister bezog stattdessen Stellung zu ihrer Kündigung. «Sie hat ihre Traumstelle gefunden», so der Gemeindepräsident. Welche das ist, wollte er nicht sagen. Er hält jedoch fest, dass die Kündigung keiner Flucht gleichkomme. Die Stelle als Gemeindeschreiberin habe Rita Tobler immer zugesagt. Mit Marco Stübi pflegte sie im Austausch der Gemeindeschreibenden einen guten Kontakt und empfahl ihm ihr Amt als Nachfolge. «Wenn sie nicht von dem Amt überzeugt gewesen wäre, hätte sie dies wohl kaum getan», so Pfister.

In Lutzenberg hat Gemeindeschreiberin Janice Mattarel nach gerade einmal neun Monaten ihre Kündigung eingereicht. Es sei ein persönlicher Entscheid gewesen, sagt sie. Das Amt erachtet sie als attraktiv und herausfordernd zugleich.

Die Berufswahl in all den Jahren nie bereut

Einem, dem die plötzliche Häufung an Stellenwechseln im Gemeindeschreiberamt auffiel, ist Richard Fischbacher. Beinahe 17 Jahre war er in Bühler als Gemeindeschreiber tätig. Nun, respektive per Ende April 2020, geht er in Pension. Er sagt: «Der Beruf ist im gleichen Masse abwechslungsreich, herausfordernd und spannend.» Im Aufgabenbereich habe sich, ausser, dass der Anspruch gestiegen sei, in all den Jahren nichts geändert, im Renommee allerdings schon. «Aber das ist der Lauf der Zeit», so Fischbacher. Er selbst habe der Stelle Positives abgewinnen können. Meistens zumindest. Unvergessen bleibt der Adressenstreit in Bühler. Der Gemeinderat wurde damals heftig kritisiert. Fischbacher sah sich ebenfalls mit Anschuldigungen konfrontiert, zu welchen er aufgrund des Amtsgeheimnisses jedoch keine Stellung beziehen konnte. «Das geht nicht spurlos an einem vorbei», sagt er heute. Auch dass es stressige Zeiten gibt, lasse sich nicht leugnen. Trotzdem: Fischbacher blickt mit einem guten Gefühl zurück. «Ich bereue meine Berufswahl absolut nicht.»

Die Gemeindeschreiber in Appenzell Ausserrhoden treffen sich einmal jährlich zu einer Konferenz. Auch sonst findet ein reger Austausch statt. «Ich habe nie von grundlegenden Problemen, die es im Zusammenhang mit der Stelle gegeben hätte, gehört», so Fischbacher.

Aus St.Gallen nach Speicher gekommen

In Speicher kam es vor ein paar Monaten zu einem Wechsel: Seit September ist dort Michal Herzog als Gemeindeschreiberin angestellt. Zuvor war sie zwölf Jahre als Ratsschreiberin im St.Gallischen tätig. In ihren Augen erfordere der Beruf ein hohes Mass an Flexibilität und Dynamik, da je nach Anzahl an Geschäften die Belastung sehr stark schwanken könne. «Aber es ist vielseitig und abwechslungsreich», sagt Herzog lächelnd. «Sonst würde es mir ja langweilig werden.» Negative Seiten an der Stelle erkenne sie keine. Ganz eingelebt habe sie sich allerdings noch nicht, gibt sie weiter an. Sie müsse sich erst noch an die Ausserrhodische Gesetzgebung gewöhnen.