Die unruhigen 1930er-Jahre

An der kommenden AGG-Jahresversammlung stehen die Zeit der Weltwirtschaftskrise und der kurzzeitige Ausserrhoder Ständerat Hans Konrad Sonderegger im Zentrum eines Historikergesprächs.

Hanspeter Spörri
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Von 1934–1935 vertrat der in Heiden geborene Hans Konrad Sonderegger Appenzell Ausserrhoden im Ständerat. (Bild: Nebelspalter)

Von 1934–1935 vertrat der in Heiden geborene Hans Konrad Sonderegger Appenzell Ausserrhoden im Ständerat. (Bild: Nebelspalter)

APPENZELLERLAND. In Zeiten politischer Krisen und wirtschaftlicher Umbrüche kann es sich lohnen, einen Blick in die Geschichte zu tun. Am kommenden Samstag macht das die Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft AGG an ihrer Jahresversammlung im Restaurant Golf Gonten. Im öffentlichen Teil ab ca. 11.15 Uhr geht es um die unruhigen 1930er-Jahre und um den Politiker, Journalisten, Rechtsanwalt und Theologen Hans Konrad Sonderegger, genannt HKS.

Sonderegger (1891–1944) ist heute weitgehend vergessen. In den 1930er-Jahren kannte ihn in Appenzell Ausserrhoden und in der ganzen Schweiz fast jedes Kind. Er war als Vertreter des Freiwirtschaftsbunds kurze Zeit Ständerat von Appenzell Ausserrhoden (1934–35), Nationalrat von Basel-Landschaft (1939–1943), Redaktor des in Teufen erscheinenden «Säntis» (1924–35). 1936 gründete er in Heiden sein eigenes Blatt: «Der Demokrat» avancierte schnell zur zweitgrössten Zeitung Ausserrhodens.

Lob des politischen Gegners

Als er am 3. September 1944 im Alter von erst 53 Jahren in Schuls-Tarasp im Unterengadin starb, schrieb Alfred Bollinger, Inlandredaktor der «Appenzeller Zeitung»: «Wir haben im Leben mit Dr. Sonderegger manchen harten Strauss ausgefochten. An seiner Bahre verneigen wir uns in Ehrfurcht vor einem Menschen, dessen Streben wohl gut gemeint, dessen Ziele aber nach unserer Auffassung eben häufig verfehlt waren.»

Mit grossem Geschick und seinem stürmischen Temperament habe Sonderegger sein «wirtschaftliches Glaubensbekenntnis besonderer Art» gelehrt und verteidigt: die Freiwirtschaftslehre. Deren Anhänger waren – und sind – überzeugt, dass nur die Einführung einer «umlaufgesicherten» Währung, kombiniert mit einer Bodenreform, die Schweiz und die Welt aus der permanenten wirtschaftlichen Krise führen könne. Geld soll jährlich an Wert verlieren und deshalb nicht gehortet, sondern ausgegeben werden.

Der in Heiden geborene Sonderegger wirkte ab 1916 zunächst als Pfarrer in den romanischen Gemeinden Lavin und Guarda, lernte in kurzer Zeit die romanische Sprache, schrieb für ein romanisches Blatt, half die «Gazetta Ladina» gründen, wandte sich dann dem Studium der Rechte zu und etablierte sich nach dem Doktorexamen 1924 in Teufen als Rechtsanwalt: «Allein das Plaidieren und Verteidigen vor den Gerichten vermochte ihn nicht ganz zu fesseln. Er musste in die Politik, wie der Fisch ins Wasser», schrieb Bollinger.

Die Lösung für alle Probleme

Und Sonderegger suchte, darf man ergänzen, die politische Auseinandersetzung, stieg deshalb als Mitarbeiter des «Säntis» in den Journalismus ein und verstand sich dabei voll und ganz als Demokrat, als Kämpfer gegen Diktaturen aller Art, gegen die Hochfinanz, für Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Allerdings interpretierte er sämtliche politischen Ereignisse im Lichte der Freiwirtschaftslehre. Das «hat etwa auch Richtiges zutage gefördert», wie Bollinger einräumte. Aber es machte ihn auch unerbittlich, weil er glaubte, für alle wirtschaftlichen Probleme die Lösung zu kennen.

Wenn man in der Kantonsbibliothek die Zeitungsbände mit den Ausgaben des «Säntis» und des «Demokrat» durchblättert, ist man mitten in den Auseinandersetzungen der 1920er- und 1930er-Jahre: Kriegsfolgen, Wirtschaftskrisen, linke und rechte Diktaturen. Sonderegger kündigte in der ersten von ihm redigierten Ausgabe des «Säntis» an, dass er jede persönliche Überzeugung achten wolle, die durch ernsthaftes Nachdenken erlangt worden sei, auch wenn sie der eigenen Anschauung nicht entspreche. Sein Urteil war aber oft hart. Den General Ulrich Wille bezeichnete er in seinem differenzierten Nachruf als Exponenten eines militaristischen Denkens, das ihm den Blick für die Demokratie getrübt habe. «Die Anschauungen, die er verkörperte, müssen im Interesse der Demokratie, im Interesse des Friedens und der ganzen Menschheit endgültig zur Vergangenheit geworfen werden, die niemals wiederkehren darf.» Über seinen Kommentar zur Ermordung des austrofaschistischen Bundeskanzlers Dollfuss am 25. Juli 1934 in Wien durch die Nazis setzte er den Titel «Verdientes Ende»: «Dollfuss hatte Frau und Kinder; aber sein Geschick erschüttert uns nicht und erweckt auch unser Mitleid nicht. Denn von all den politischen Glücksspielern, volkswirtschaftlichen Ignoranten und brutalen Volksverderbern (…) war der kleine Dollfuss mit seinem freundlichen Lächeln einer der schlimmsten, trotz Mussolini, Hitler, Stalin, König Alexander und Pilsudski.»

Befremden und Entrüstung

In den Augen vieler Leserinnen und Leser war er damit zu weit gegangen: Der Artikel habe «Befremden und Entrüstung» erregt, musste er in der folgenden Ausgabe einräumen. Aber er holte nochmals aus, erinnerte an die vielen Gewalttaten, die Dollfuss zu verantworten habe, an die erschossenen Arbeiter: «Wir vergessen zu viel und zu rasch. Wir haben seit 1914 so unerhört viel erlebt, dass wir vergessen müssen, wenn wir unter der Last des Grauens nicht zusammenbrechen wollen. Aber es gibt Dinge, die wir um unser selbst nicht vergessen dürfen. (…) Tatsache ist, dass Dollfuss alle demokratisch gesinnten Männer seines Volkes durch die zielbewusste Vernichtung aller Volksrechte Schritt um Schritt zur Verzweiflung getrieben hat. (…) Tatsache ist, dass Dollfuss zur Verrohung und Verwilderung der Politik in Österreich fast so viel beigetragen hat wie Hitler in Deutschland.»

Verhängnisvolle Briefe

Sonderegger hat sich immer wieder kritisch und sarkastisch mit dem Faschismus und dem damals in die Schweiz importierten frontistischen «Führer-Prinzip» auseinandergesetzt: «Ja, der Führer steht da, aber leider, leider: Seine schöne Führerpose reizt uns zum Lachen…» Dennoch hat er sich 1940 dazu verleiten lassen, in vertraulichen Briefen die Absetzung des Bundesrats zu fordern und den Vorschlag zu formulieren, einen freiwirtschaftlich ausgerichteten neuen Bundesrat mit ihm selbst als Mitglied einzusetzen. Diesem, so sein Glaube, werde es gelingen, Hitler zu besänftigen und vom Einmarsch in die Schweiz abzuhalten. Geschuldet ist diese heute nicht nachvollziehbare Haltung vermutlich der allgemeinen Verwirrung des Jahres 1940, als Deutschland unbesiegbar schien, und Sondereggers übergrosser Erwartung in die freiwirtschaftliche Lehre als Retterin aus der Not. Als die Briefe 1943 in Zuge einer Intrige an die Öffentlichkeit gelangten, stand er, der Kämpfer gegen Diktatur und für Gerechtigkeit, als Anpasser da und musste als Nationalrat von Basel-Landschaft zurücktreten. Von dieser Erniedrigung hat er sich nicht mehr erholt.

Karikatur aus dem Jahr 1941: Hans Konrad Sonderegger. (Bild: Carl Böckli/Nebelspalter)

Karikatur aus dem Jahr 1941: Hans Konrad Sonderegger. (Bild: Carl Böckli/Nebelspalter)