Die unbestechliche Waage

Fastenkolumne

Karin Erni
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Man kennt das Bild aus Filmen: Jockeys in bunten Blusen, die sich in einer Reihe aufstellen. Den Sattel und das Zaumzeug über dem linken Arm, die Gerte mit der rechten Hand umklammert. Vor sich die Waage. Hier müssen die schnellen Reiter sich erstmals bewähren, denn vor dem Rennen soll sichergestellt werden, dass der Jockey samt Zubehör genau so viel wiegt, wie sein Pferd tragen muss. Ist er zu leicht, wird das fehlende Gewicht mit einem schwereren Sattel und Bleiplatten ausgeglichen.

Was allerdings passiert, wenn der Reiter zu viel wiegt, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht muss der Bemitleidenswerte noch schnell einen Saunagang absolvieren, sich die Haare schneiden oder erhält einen Löffel Rizinusöl zur Verdauungsförderung verabreicht. Gewicht ­loszuwerden, ist bekanntlich schwieriger, als welches zuzulegen.

Mir ergeht es derzeit ähnlich wie diesen Rennreitern. Am zehnten Tag der Fastenzeit steht auch bei mir ein Waagetermin an. Denn das Ziel ist klar: An Ostern will ich wieder in meine Velokleider vom letzten Jahr passen. Ich bin guten Mutes, denn ich war tagelang richtig tapfer. Habe den süssen Biber auf dem Sitzungstisch liegen lassen und die von den Kollegen in fieser Absicht angebotenen Pralinés ignoriert. All die vielen eingesparten Zuckerkalorien müssten sich nun in einem gehörigen Gewichtsverlust bemerkbar machen, denke ich. Doch weit gefehlt! Die Skala zeigt praktisch auf das Gramm genau dieselbe Zahl an wie vor dem Experiment. Es hilft auch nichts, dass ich die Waage in einen anderen Raum bringe, weil dort der Boden etwas ebener ist. Das blöde Gerät bedankt sich für die Luftveränderung sogar mit ein paar Gramm Gewichtszuschlag. Dass zehn Tage harter Verzicht so schlecht entlöhnt werden, schlägt mir auf die Laune. Ich überlege, ob ich auch zum Rizinusöl greifen oder mir einen Ultrakurzhaarschnitt verpassen soll, um ein paar Gramm loszuwerden und mein seelisches Gleichgewicht dadurch wiederzuerlangen. Doch dann habe ich eine bessere Idee: Ich beschliesse, meinem Körper mit mehr Bewegung einzuheizen und die überschüssigen Kalorien an der frischen Luft abzutrainieren. Den Plan dazu habe ich schon seit drei Jahren im Hinterkopf, aber der innere Schweinehund hat dessen Umsetzung bis jetzt erfolgreich verhindert. Morgen fahre ich mit dem Velo zur Arbeit!

Karin Erni