Die Südkoreaner feuerten ihn und wollten ihn danach wieder zurück

Die Chancen stehen gut, dass Hansueli Schiess an den Olympischen Spielen in Pyeoungchang mehreren Sportlern zu Medaillen verhilft. Der Herisauer ist Mechaniker beim lettischen Bobverband.

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Die Erfahrung von Tüftler Hansueli Schiess soll den Letten zu olympischem Edelmetall verhelfen. (Bild: UHU)

Die Erfahrung von Tüftler Hansueli Schiess soll den Letten zu olympischem Edelmetall verhelfen. (Bild: UHU)

In Sotschi räumte die Appenzeller Bob-Fraktion ab. Beat Hefti/Alex Baumann gewannen Silber, das wegen der russischen Dopingaffäre zu Gold werden dürfte. Doch Beat Hefti (Schwellbrunn) wird in Pyeongchang wegen der Verbandsplanung wohl fehlen und Alex Baumann allenfalls im Vierer von Rico Peter zum Einsatz kommen. Beim Anschieber-Leistungstest vor Weihnachten in Cesana war der Steiner nach einer leichten Zerrung in der Gesamtwertung die Nummer fünf.

Anders präsentiert sich die Ausgangslage beim ehemaligen Appenzeller Express-Mechaniker Hansueli Schiess. Der Herisauer wird in Südkorea die lettischen Bob- und Skeletonfahrer materialtechnisch betreuen. «Ein besseres Engagement als in Lettland hatte ich noch nie. Sei es wegen der Stimmung im Team, der Zusammenarbeit mit den Fahrern, Trainern, dem Verband oder der Wertschätzung für meine Arbeit. Es handelt sich um eine grosse Familie», freut sich der einstige Schwinger.

Nach Jahren bei den Kanadiern, Schweizern und Beat Hefti arbeitete Hansueli Schiess nach Sotschi mit Sohn Fabio für die plötzlich schnell gewordenen Südkoreaner. Eines Morgens während der Weltcup-Phase in Übersee wurde Schiess/Schiess mitgeteilt, sie seien entlassen. Ein Spitzenfahrer wollte nicht glauben, dass die von den erfahrenen Technikern an einem neuen Schlitten vorgenommenen Verbesserungen zukunftsweisend seien und setzte sich intern durch. Danach fuhr er hinterher.

Einige Stunden nach der koreanischen Hauruck-Aktion meldeten bei Hansueli Schiess bereits andere Nationen ihr Interesse an. Ob Kanada, Russland, China oder Österreich, fast alle wollten sich die Dienste des erfahrenen Tüftlers sichern. Auch die Koreaner erkannten ihren Fehler, wollten den Taktiker zurückholen. Fabio Schiess zog es vorerst zu den Briten, inzwischen arbeitet er wieder für die Olympia-Gastgeber. Seinen Vater zog es jedoch Richtung Lettland.

Entlassung ist zum Glücksfall geworden

Die Entlassung war für Hansueli Schiess zum Glücksfall geworden. Eher unterwartet meldeten sich die Letten, kurz bevor Schiess einen lukrativen Vertrag mit einer andern Nation abschloss. «Lieber weniger verdienen, den Frieden haben und in Ruhe arbeiten können», begründet der einst bei Swiss Sliding angestellte Mechaniker sein Ausland-Engagement. Die Schweiz war auch verbandspolitisch kein Thema. «In Lettland überlegen sich Piloten mit 30 Jahren zurückzutreten, in der Schweiz werden sie in diesem Alter als Nachwuchshoffnungen gehandelt.»

So könnte es in Pyeongchang sein, dass die Letten Oscars Kibermanis oder Oscars Melbardis den Schweizern dank eines Appenzellers vor der Medaillen-Sonne stehen. «Dass unsere Piloten noch nicht ganz vorne mitfahren, ist nicht beunruhigend. Materialtechnisch haben wir die Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Unser Ziel bleiben die Olympischen Spiele», bleibt Schiess gelassen. Im Weltcup von Innsbruck lagen die Letten mit dem Vierer vor den Schweizern auf den Rängen vier und sieben.

Einsatz mit doppelten Medaillenchancen

Mit Martins und Tomass Dukurs vertrauen zudem zwei Weltklasse-Skeleton-Piloten auf die Erfahrung von Hansueli Schiess. «Der Wettkampfkalender in Pyeongchang erlaubt es, dass ich bei Olympia doppelt eingesetzt werde. Darauf freue ich mich besonders», sagt der gefragte Weltenbummler und betont: «Die Entscheidung über die Kufen-Wahl liegt beim Piloten. Ich sage meine Meinung, erkläre weshalb und wieso, aber der Athlet muss vom Gerät überzeugt sein. Meistens stimmen wir überein.»

In Sigulda steht den Letten eine ideale Eiskanal-Anlage zur Verfügung. «Einige Male war ich in Lettland. Mich fasziniert das Land. Ich fühle mich wohl, habe noch nie einen solchen Teamgeist und ein derartiges gegenseitiges Vertrauen vorgefunden. Und» so Schiess, «es glauben nicht irgendwelche Leute, dreinreden und ihre Macht ausspielen zu müssen.»

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