Interview
«Die Sprache ist mein Beruf»: Ehemaliger Richter aus Herisau veröffentlicht historischen Roman

In seinem Romandebüt «Henri III» erzählt Richard Altherr die Geschichte eines wenig beachteten französischen Herrschers. Ein Gespräch über Hugenottenkriege, Dichterjuristen und ausgefallene Kochbücher.

Claudio Weder
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Richard Altherr war 30 Jahre lang als Richter tätig. Heute widmet er sich der Kunst und der Literatur. (Bild: PD)

Richard Altherr war 30 Jahre lang als Richter tätig. Heute widmet er sich der Kunst und der Literatur. (Bild: PD)

So manch französisches Staatsoberhaupt würde als Romanfigur taugen. Wie kam Heinrich der Dritte (1551–1589) zu seiner Ehre?

Richard Altherr: Über seinen Vater, Heinrich den Zweiten, wurde schon viel geschrieben. Und viel mehr noch über seinen Nachfolger Heinrich den Vierten, den ersten Bourbonenkönig. Daneben fristete Henri III in der Literatur bislang ein Schattendasein – und dies, obwohl er alle acht Hugenottenkriege miterlebt hat. Abgesehen von seiner historischen Bedeutsamkeit und seiner reichhaltigen Lebensgeschichte ist er aber auch in psychologischer Hinsicht eine spannende, ja fast schon prädestinierte Romanfigur.

Im Vergleich zu anderen französischen Herrschern konnte Henri III innenpolitisch nicht viel erreichen. War er ein schlechter Herrscher?

Das würde ich nicht sagen. Er war stets bemüht, neue Gesetze durchzubringen. Auch ist es ihm gelungen, das Land in seinen Grenzen zu halten. Dass er nichts erreichen konnte, stimmt. Aber das war vielmehr seinem Pech geschuldet, dass er in der falschen Zeit geboren wurde. Die Streitigkeiten im Land waren damals einfach zu gross. Zudem stand er sich selbst im Weg.

Inwiefern?

Henri III war ein Lebemann, er liess es sich immer gut gehen. Hinzu kamen die Gier nach Macht und Reichtum sowie abergläubische Züge. Sein ausschweifender Lebensstil machte ihn bald zum verhassten König.

«Henri III» ist ein historischer Roman. Wie gut gelang es Ihnen, die Balance zwischen Fakt und Fiktion zu finden?

Das Buch entstand in zwei Etappen. Als Erstes befasste ich mich mit der Sachebene, schaute, dass die Schlachten, die Kriege, die Namen der Figuren stimmen. Nachdem ich die historischen Eckpfeiler gesetzt hatte, kam in einem zweiten Schritt das Romanhafte dazu. Hierbei ging es darum, die Fakten mit Figurendialogen anzureichern. Auch der eine oder andere von mir erfundene Handlungsstrang kam dazu – es sollte ja kein Geschichtsbuch werden. Schwieriger als ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Fakt und Fiktion zu finden, war allerdings, das Denken der Menschen von damals zu übernehmen. Sie lebten in einer völlig anderen Welt, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Wie versetzt man sich in 500 Jahre alte Köpfe hinein?

Das geht nicht. Vielmehr muss man versuchen, sich wie ein Psychologe den Figuren zu nähern, indem man analysiert, wie sie auf bestimmte Ereignisse in ihrer Zeit reagiert haben. Je länger man sich mit den Figuren auseinandersetzt, desto näher kommt man ihnen. Zwölf Jahre habe ich an meinem Roman gearbeitet, etwa drei Jahre habe ich allein für die Recherchen gebraucht. Nach dieser Zeit habe ich langsam begonnen zu denken wie meine Figuren.

Sie arbeiteten 30 Jahre lang als Richter, 2006 haben Sie Ihren Job aufgegeben. Warum?

Richter ist ein wunderbarer Beruf, keine Frage. Doch nach 30 Jahren wurde ich prozessmüde, ich hatte genug von den Streitereien, hatte lange genug den Leuten gesagt, was richtig und falsch ist. Ich eröffnete eine Kunstgalerie in Urnäsch. Und weil ich mich schon lange für französische und europäische Geschichte interessierte, nahm ich zeitgleich die Arbeit an meinem Roman auf.

Sie sind nicht der erste Jurist, der Bücher schreibt. Man denke hierbei etwa an Goethe, Heine oder Kafka. Wie erklären Sie sich das Phänomen der «Dichterjuristen»?

Ich denke, das kommt nicht von ungefähr. Schreiben beziehungsweise der Umgang mit der Sprache ist unser Beruf. Ich habe während meiner Richterzeit bestimmt Tausende von Urteilen geschrieben. Da ist es wohl nicht verwunderlich, wenn das Bedürfnis aufkommt, auch mal «anders» zu schreiben und vor allem so zu schreiben, dass es für die Leute auch verständlich und angenehm zu lesen ist. (lacht)

Wann erscheint Ihr nächstes Buch?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich habe mir vorgenommen, nicht zu viel zu schreiben. Wie der Schriftsteller Thomas Bernhard sagte: Viel schreiben ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ideen hätte ich aber mehrere. Da wäre ein weiterer König, George II. von England. Aber ich könnte mir zum Beispiel auch vorstellen, ein Kochbuch zu schreiben – und dieses mit Geschichten aus der Justiz anzureichern.

Ein Kochbuch gepaart mit Geschichten aus der Justiz, das gab es wohl bislang nicht. Braucht der Buchmarkt Innovationen?

Man kann ja nicht immer wieder über dasselbe schreiben. Jedes Jahr kommen rund 90000 Neuerscheinungen auf den deutschsprachigen Markt. Angesichts dieser Fülle ist es von Vorteil, wenn man auffällt.

Hinweis: Der Roman «Henri III – der letzte Valois» von Richard Altherr ist im Buchhandel erhältlich. Mehr Infos unter www.verlagshaus–schwellbrunn.ch

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