«Die soziale Isolation macht krank»

Der Bund appelliert daran, nur das Haus zu verlassen, wenn es dringend notwendig ist. Dies trifft vor allem ältere Personen hart. Markus Gmür, Geschäftsleiter der Pro Senectute AR, über die soziale Isolation und eine drohende Vereinsamung.

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Markus Gmür, Geschäftsleiter Pro Senectute AR

Markus Gmür, Geschäftsleiter Pro Senectute AR

Bild: PD

Wie ist die jetzige Situation des Zu-Hause-Bleibens für Seniorinnen und Senioren?

Markus Gmür: Je nach Wohnsituation ist die Situation erträglicher oder nicht. Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich, von klar positiv eingestellt bis hin zu sehr ängstlich. Viele sind jedoch verunsichert und bedrückt. Wenn keine Angehörigen vorhanden sind, wird die Situation noch angespannter.

Wie wirkt sich das auf ihr Wohlbefinden aus?

Viele sind, wie gesagt, verunsichert. Oft wird gefragt, was denn noch kommt. Eine Ausgangssperre würde vielen die Möglichkeit für Spaziergänge nehmen. Das macht Angst. Die Frage der Versorgungssicherheit beschäftigt. Zudem fällt das Aufrechterhalten einer Tagesstruktur wie Aufstehen, regelmässiges Essen schwieriger, wenn Aktivitäten wie Mittagstisch und Turnlektion wegfallen.

Was ist in Zeiten der Coronakrise für diese Altersgruppe wichtig?

Tägliche Kontakte, die Solidarität spüren und das Gefühl behalten, dass man dazu gehört und nicht vergessen wird. Eine aktive Nachfrage von Kindern, Enkeln, Bekannten, Nachbarn wird geschätzt. In Stresszeiten, wie wir sie jetzt haben, ist zudem eine gesunde Ernährung wichtig. Und im Rahmen des Möglichen soll Bewegung in den eigenen vier Wänden gesucht werden. Auch Solo-Spaziergänge sind eine gute Möglichkeit.

Was bedeutet die soziale Isolation für die Gesundheit der älteren Menschen?

Sie macht krank, psychisch und körperlich. Nach einer Woche im Ausnahmezustand sind die Auswirkungen noch wenig spürbar. Aber es drohen Depressionen, der Verlust von Beweglichkeit und Kraft. Schmerzen werden ohne Ablenkung durch Aussenkontakte stärker wahrgenommen. Gerade für Demenzpatienten stellt der Wegfall von gewohnten Kontakten ein grosses Gesundheitsrisiko dar.

Warum zeigt sich die Problematik gerade bei dieser Altersgruppe?

Vor allem bei Hochaltrigen fehlen oft Verwandte oder Freunde. Und die sozialen Medien werden von ihnen noch nicht häufig genutzt.

Wie unterstützt die Pro Senectute die Betroffenen?

Wir sind telefonisch wie üblich vormittags erreichbar. Die Hilfen im Haushalt werden bei Notwendigkeit in reduziertem Umfang und unter strikter Einhaltung der BAG-Empfehlungen weiter angeboten. Bei langjährigen Kunden und Klienten erkundigen wir uns zudem telefonisch über das Befinden und organisieren wenn nötig Hilfe. Auch unterstützen wir beim Schaffen von Telefonketten und bieten seit kurzem Einkaufshilfen an.

Und was können die Mitmenschen unternehmen?

Möglichst täglich und regelmässig telefonieren. Das Schreiben von Briefen oder Postkarten ist ebenfalls ein Mittel gegen die Vereinsamung. Oder man sucht sich eigene kreative Lösungen und legt etwa der Nachbarin eine Kinderzeichnung in den Briefkasten.