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Hausarztmangel in Ausserrhoden: «Situation bleibt angespannt», sagt der Kantonsarzt

Die unmittelbare Zukunft der 40 Hausarztpraxen im Kanton ist gesichert. Doch nicht überall sei die Nachfolgelösung ideal, sagt Vinzenz Müller, Kantonsarzt und scheidender Präsident des Hausarztvereins.
David Scarano

In den vergangenen Jahren herrschte landauf landab ein Hausarztmangel. Gemäss einer neuen Studie soll nun eine Trendwende in Sicht sein. Wie präsentiert sich die Situation in Ausserrhoden?

Vinzenz Müller: Keine der total 40 Allgemeinpraxen im Kanton musste in den vergangenen Jahren schliessen. Zum Glück konnten überall Nachfolgelösungen gefunden werden. Zuweilen dauerte der Prozess aber lange. Dennoch bleibt die Situation im Kanton angespannt.

Wie das?

Wir nehmen in der aktuellen Notsituation viele Ärzte aus dem EU-Raum auf. Die Qualität der Ausbildung ist jedoch unterschiedlich. Einige Allgemeinmediziner, die zu uns kommen, verfügen nicht über eine so langjährige Ausbildung wie Schweizer Ärzte. Ihre Praxiserfahrung nach dem Staatsexamen beträgt zwei bis drei Jahre. In der Schweiz sammelt ein Arzt nach dem Examen allein im Spital fünf Jahre an Erfahrung, hinzukommen in der Regel nochmals drei Jahre an weiteren Ausbildungen. Der Erfahrungs- und Wissensschatz der EU-Ärzte ist also häufig deutlich weniger ausgeprägt. Wir müssen ehrlich zugeben: Nicht überall in Ausserrhoden fand sich eine ideale Nachfolgelösung.

Sie gehen bald in Pension. Sie haben auf Anfang Juli eine Nachfolgerin gefunden, ebenfalls aus dem EU-Raum. Wie kam es dazu?

Meine Nachfolgerin, die über eine grosse Berufserfahrung verfügt, fand ich über einen Vermittler aus Deutschland. Zunächst hatte ich es über den FMH-Verband versucht. Ich erhielt Adressen von Interessenten, darunter befanden sich Investorengruppen. Das waren allesamt aber keine Ideallösungen.

Was spricht aus Ihrer Sicht gegen von Investoren getragenen Ärztezentren?

Im Angestelltenverhältnis ist der Stress und der Arbeitsaufwand sicherlich geringer. Aber als Arzt muss ich die Verantwortung dennoch für alles übernehmen. Und günstiger wird es auch nicht. Ein Investor will verdienen und er wird mit der Zeit Druck aufsetzen. Denn obwohl stets das Gegenteil behauptet wird: Ähnliche Modelle haben in der Vergangenheit gezeigt, irgendwann wird sich der Kostendruck bemerkbar machen.

Warum mussten Sie nach Deutschland ausweichen? Stimmt das mit der Trendwende nicht?

Das Interesse an diesem tollen Beruf steigt zum Glück wieder. Aber wir haben nach wie vor zu wenig Hausärzte – und das nicht nur auf dem Land. Die Stadt St. Gallen weist das gleiche Problem auf. Viele Jungmediziner wollen immer noch lieber Spezialarzt werden. Das ist zwar verständlich, denn sie werden besser bezahlt und die Arbeitszeit ist geregelter. Aber Spezialärzte verteuern das Gesundheitswesen, während wir versuchen, mit Hausarztmodellen und sonstigen Lösungen Kosten zu senken. Da müsste die Politik eingreifen.

Welche Massnahmen schlagen Sie vor?

Man könnte beispielsweise die Tarife für Spezialärzte senken und die für Allgemeinmediziner erhöhen. Oder man führt ein Malussystem ein: Wer statt zum Hausarzt direkt zum Spezialisten geht, soll mehr bezahlen. Hausärzte können 90 Prozent aller Krankheitsfälle abschliessend behandeln. Und dies deutlich kostengünstiger. Spezialärzte sind aber nicht die einzigen Kostentreiber. Auch Spitäler sind mitverantwortlich.

Was werfen Sie den Spitälern vor?

Die Devise im Gesundheitswesen lautet heute: ambulant statt stationär. Das führt dazu, dass Spitäler ihre Ambulantbereiche ausbauen und vermehrt unnötige Sprechstunden anbieten. Hinzu kommt, dass einmal zugewiesenen Patienten häufig periodisch wieder einbestellt werden anstatt sie dem Hausarzt, welcher Koordinator aller medizinischen Belange ist, wieder zu überlassen.

Eine Studie zeigt, dass dank subventionierter Ausbildungsplätze Mediziner vermehrt Hausärzte werden. Ausserrhoden kennt ein solches Modell seit 10 Jahren. Wie ist Ihre Erfahrung?

Der Kanton finanziert aktuell zwei halbe Ausbildungsplätze. Ausserrhoden war einer der ersten Kantone überhaupt. Es ist eine gute Sache, sofern sich Jungmediziner melden. Das ist, wie bereits gesagt, leider nicht immer der Fall.

In der Schweiz gilt der Hausarztberuf unter Studenten häufig als verstaubt. Auch die langen Arbeitszeiten sind für viele nicht verlockend. Stört Sie das?

Die Ärzte wollen heute generell weniger arbeiten als wir früher. Das gehört zum Zeitgeist. Wir haben in den Spitälern sicherlich zu viel gearbeitet. Doch die Entwicklung bereitet mir Sorge.

Ist es nicht legitim, nicht täglich 16 Stunden am Stück arbeiten zu wollen?

Ich will unsere Zeit nicht glorifizieren. Und dass man die Belastung reduzieren will, verstehe ich ebenfalls. Ärzte wollen Beruf und Familie besser unter einen Hut bringen. Allerdings nimmt der Patientenkontakt insgesamt stark ab. Die Zeit, die Mediziner mit Konsultationen und Behandlungen verbringen, geht heutzutage je länger je mehr zurück. Die administrativen Aufgaben haben hingegen markant zugenommen. Die Politik will zwar keine übermüdeten Ärzte, dafür geht sie das Risiko ein, dass diese weniger erfahren sind. Ich bevorzuge einen Arzt, der weniger geschlafen hat, dafür aber mehr weiss.

Hatten Sie nie das Gefühl, als Nachwuchsmediziner zu viel gearbeitet zu haben?

Meine Generation hat gerne gearbeitet, auch sehr gerne Notfalldienste geleistet. Ich stand jahrelang jedes dritte Wochenende im Dienst – ohne Kompensation. Ich machte es aus eigenem Interesse, um meinen Rucksack zu füllen. Ich wollte so optimal wie möglich auf den anspruchsvollen Beruf des Hausarztes vorbereitet sein.

Kroll als Nachfolger

33 Jahre lang hat Vinzenz Müller in Herisau seine Hausarztpraxis geführt. Anfang Juli übergibt er sie wegen seiner Pensionierung an seine Nachfolgerin Atena Leolea. Der 65-Jährige ist zudem kürzlich als Präsident des Ausserrhoder Hausärztevereins zurückgetreten. Die Vereinigung setzt sich unter anderem für gute Rahmenbedingungen ein. 14 Jahre lang führte Müller dieses Amt aus. Als Nachfolger bestimmten die Mitglieder Steffen Kroll aus Schwellbrunn. Müller bleibt mit einem Teilpensum Kantonsarzt. (dsc)

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